Pflegereform 2017: Die bisherige Bilanz

Pflegereform 2017Seit dem 01. Januar 2017 ist die von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe initiierte Pflegereform in Kraft. Ziel des großflächigen Umbaus war es, die Pflegebedürftigkeit neu zu definieren. Dies sollte zum einen dazu führen, dass mehr tatsächlich Pflegebedürftige auch staatliche Unterstützung erhalten. Zum anderen sollte die Pflegeförderung auch besser an die individuelle Situation angepasst werden. Nach einigen Monaten Praxiserfahrung lässt sich nun eine erste Bilanz der Reform ziehen.

Das Herzstück der Reform: Fünf Pflegegrade statt drei Pflegestufen

Zentraler Punkt der Pflegereform ist die neue Einteilung der Pflegebedürftigkeit in die Pflegegrade 1 bis 5. Bisher galt in diesem Zusammenhang: Je stärker die körperliche oder psychische Einschränkung ist, desto höher war auch die Pflegestufe. Insbesondere ältere Menschen mit Demenz wurden durch dieses System aber nicht korrekt erfasst.

Seit der Reform gilt daher die Eigenständigkeit als wichtigstes Kriterium. Zudem wurden aus den früheren drei Pflegestufen insgesamt fünf Pflegegrade, was eine genauere Einstufung ermöglichen sollte. In diesem Zusammenhang lässt sich sagen: Die Reform war durchaus erfolgreich. Denn die Zahl der Pflegebedürftigen hat im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent zugenommen.

Die Einstufung wird durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MdK) vorgenommen. Hier waren im Vorfeld lange Wartezeiten befürchtet worden, weil viele neue Anträge auf einmal zu bearbeiten waren. Tatsächlich erwies sich die Organisation aber als gut vorbereitet und konnte einen langen Antragsstau vermeiden. Durch eine Bestandsgarantie wurde zudem verhindert, dass Personen durch die Reform Pflegeleistungen verlieren konnten. Aus Sicht der Pflegepatienten lässt sich also bisher ein positives Fazit ziehen.

Der neue Eigenbeitrag für Heimbewohner

Geändert hat sich zudem die finanzielle Eigenbeteiligung von Heimbewohnern. Bisher galt: Je höher die Pflegestufe, desto höher auch die Zuzahlung. Dies brachte aber unerwünschte Nebenwirkungen mit sich. So waren Familien teilweise nur schwer davon zu überzeugen, dass jemand eine höhere Pflegestufe benötigt. Denn diese brachte nicht unerhebliche finanzielle Mehrbelastungen mit sich.

Zukünftig hingegen gibt es einen festen Zuzahlungsbeitrag für alle Heimbewohner. Bewohner mit niedrigerem Pflegegrad zahlen in Zukunft also mehr, Pflegepatienten mit hohem Pflegegrad hingegen weniger. Altfälle wurden von dieser Regelung allerdings insofern ausgenommen, dass keine Preissteigerungen vorgenommen wurden.

Pflegereform BilanzIn der Praxis soll die neue Gestaltung der Zuzahlungen dafür sorgen, dass Patienten mit niedrigeren Pflegegraden länger zuhause gepflegt werden – die finanzielle Förderung dafür wurde ebenfalls erhöht. Die Mitarbeiter in Pflegeheimen sehen dies allerdings nicht uneingeschränkt positiv. Denn für sie erhöht sich die Belastung, wenn mehr Patienten mit hohem Pflegegrad stationär versorgt werden müssen. Ergänzend müsste daher eigentlich auch die Zahl der Mitarbeiter erhöht werden – was aber nur bedingt geschehen ist. Einige Pflegeheime nutzten die Umstellung der Abrechnung zudem auch, um generell höhere Preise zu verlangen. Ein beliebter Trick dabei war es, die Umlage der Investitionskosten massiv zu erhöhen. Teilweise wurde damit die finanzielle Entlastung bei Pflegepatienten mit hohem Schweregrad vollständig aufgezehrt.

Mehr Pflegefälle bedeuten höhere Versicherungsbeiträge

Eine unangenehme Überraschung brachte die Reform auch für alle Leute mit sich, die privat eine Versicherung für Pflegekosten abgeschlossen haben. Denn da nun auch Demenzfälle als Pflegepatienten anerkannt werden, steigt natürlich das Risiko für die Versicherung einspringen zu müssen. Die unweigerliche Folge: Höhere Beitragszahlungen. Bleiben diese im Rahmen ist dies für viele Versicherte vertretbar, denn die höheren Kosten gehen ja auch mit einer Leistungssteigerung einher – Angehörige und Pflegebedürftige sind nun auch im Falle der Demenz abgesichert. Allerdings haben einige Versicherungen die Gelegenheit genutzt, um unverhältnismäßig hohe Preissteigerungen zu realisieren oder ursprünglich zugesagte Leistungen zusammenzustreichen. Dies ist allerdings nur bedingt möglich. Einige Versicherte haben daher Widerspruch eingelegt.

Bis es allerdings zu einer juristischen Klärung der verschiedenen Fälle kommt, dürfte noch einiges an Zeit vergehen. Insofern wird die Pflegereform von Inhabern privater Pflegeversicherungen mit gemischten Gefühlen gesehen. Für eine abschließende Bilanz ist es aber noch zu früh.

Die Pflegereform verschärft den Fachkräftemangel

Ziel der Reform ist es auch, mehr Pflege zuhause zu ermöglichen. Daher wurde die finanzielle Unterstützung in diesem Bereich erhöht, sodass im Bedarfsfall individuelle Leistungen von ambulanten Pflegediensten eingekauft werden können. Für die Pflegepatienten stellt dies grundsätzlich eine erhebliche Verbesserung dar.

In der Praxis hat sich allerdings gezeigt, dass viele Pflegedienste – insbesondere in ländlichen Regionen – gar keine zusätzlichen Kunden mehr aufnehmen können, weil es ihnen an Fachkräften fehlt. Dies gilt sowohl für ausgebildete Krankenpfleger als auch für Pflegehelfer.

Verschärft wird die Situation zudem dadurch, dass sich insgesamt die Zahl der anerkannten Pflegepatienten erhöht hat – also auch mehr Pflegekräfte benötigt werden. Schon heute kommt teilweise nachts in Pflegeheimen ein Betreuer auf mehr als fünfzig Pflegebedürftige. Dies wiederum führt zu hohen Krankenständen, was das Problem weiter verschärft. Allerdings bestand der Fachkräftemangel auch schon vor der nun durchgeführten Pflegereform – im Schnitt dauert es 138 Tage eine offene Stelle zu besetzen. Vielleicht sorgt der Mehrbedarf im Zuge der Pflegereform langfristig aber dafür, dass effektive Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel eingeführt werden.

Also: Mehr Ausbildungsplätze, attraktivere Arbeitsmodelle und eine bessere Bezahlung. Dann hätten nicht nur die Patienten, sondern auch die Pflegekräfte von der Reform profitiert.

Über die Autorin

Michaela NiclausMichaela Niclaus ist Inhaberin der Pflegevermittlungsagentur help4seniors in Düsseldorf, welche mittlerweile seit über 10 Jahren in der Pflegebranche tätig ist und 24-Stunden Betreuungskräfte für die Pflege zu Hause vermittelt. Michaela Niclaus hat alltäglich Kontakt mit pflegebedürftigen Menschen und Angehörigen und verfolgt stets die aktuellen Entwicklungen in der Pflegebranche.

Bildquelle: Alexander Raths & Sandor Kacso – Fotolia


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