Was ist das gute Leben in unserer digitalisierten und zunehmend rationalisierten Lebensrealität?

Das gute Leben

– Ein Essay von Marius Fröchling –

Viel Zeit ist vergangen, seitdem sich der Mensch evolutionär aus der Schöpfung entwickelt hat, die ersten Blüten austrieb und sich schließlich zur dem aufschwung, was wir heute unsere moderne europäische Zivilisation nennen.

Seitdem wurde viel Blut vergossen, gelogen, betrogen, gemeuchelt, gefoltert und Schlimmeres. Und dennoch wachsen die Möglichkeit des Menschen immer noch weiter an. Unsere Willenskraft kann in einer zunehmend digitalisierten und marktbasierten Gesellschaft Berge versetzen. Das gilt im Guten wie im Schlechten – wie auch immer man dies normativ für sich definiert (Jeder Mensch hat schließlich tief in sich seine eigene, instinktive Ethik und Singularität und fühlt diese seit dem ersten Schrei).

Die Philosophie würde Diskurse dieser Art wohl am ehesten der Frage nach dem guten Leben zuordnen und das etwa mit Seneca kulturwissenschaftlich belegen, der in „De tranquillitate animi – Über die Ausgeglichenheit der Seele“ beispielsweise folgendes schreibt:

Alle sind in derselben Lage: diejenigen, die ihre Oberflächlichkeit nicht zur Ruhe kommen lässt, ihr Überdruss und die Sucht, einen Beschluss zu ändern, denen immer mehr gefällt, was sie hinter sich haben, und diejenigen, die trübsinnig dahindämmern. Denke noch an die, welche nicht anders als Leute, die schwer Schlaf finden, sich in ihrer Ruhelosigkeit bald auf diese, bald auf jene Seiten betten, bis sie aus Erschöpfung Ruhe finden. Indem sie ihre Lebensumstände fortwährend umgestalten, bleiben sie zuallerletzt bei dem, in welchem sie nicht Abneigung gegen Änderungen, sondern ihr für einen Neubeginn zu müdes Alter festhält. Denke noch an jene, die nicht durch Mangel an Standhaftigkeit, sondern durch den ihrer Schwerfälligkeit zu wenig wendig sind: sie leben nicht, wie sie wollen, sondern wie sie begannen

Tausende Jahre später stehen wir an dem Punkt, mit großer Verantwortung hantieren zu müssen, die uns plötzlich technologisch ermöglicht wird. Ein Mensch an einem Computer kann die Zündung sein für einen neuen Geschäftszweig, der LKWs auf Straßen bringt, Schiffe bewegt oder es abertausenden Menschen möglich macht, ein Problem zu lösen.

Das ist überwältigend, aber kognitiv auch enorm anstrengend.

Henri Bergson, der altehrwürdige französische Intellektuelle und Nobelpreisträger, der Mann der Einstein öffentlich falsifizierte und dessen Lesungen für massive Verkehrsstaus in Paris sorgten, weil er mit seinem existentialistischen Zugang – welcher beispielsweise der Intuition einen wichtigen Stellenwert einräumt – ekstatische Verehrungen erzeugte (Der Pädagoge John Dewey soll gesagt haben, nach Bergson müssten alle philosophischen Probleme neu gedacht werden), dieser Henri Bergson prognostiziert dem Leben nach dem II. Weltkrieg einen rasanten technologisch-rationalen Fortschritt, während der seelisch-spirituelle Anteil des Lebens nicht gleichmäßig mitwachsen würde und kultiviert werde.

Deshalb wäre es möglich, dass wir in einem Zeitalter angelangt sind, indem wir uns komplett autotelisch (also selbstsinnstiftend) steuern müssen, um den Menschen als Spezies wieder kompatibler zum Rest der Natur zu machen. Schon Friedrich Nietzsche war der Auffassung: „Traue keinem Gedanken, der nicht an der frischen freien Naturluft erwachsen ist“.

Es gibt dazu mittlerweile auch schlüssige und authentische soziologische Denkkonzepte, wie Hartmut Rosas „Soziologie der Weltbeziehung“, die die grundsätzliche Frage aufwirft, wie der Mensch denn „in die Welt gestellt“ sei in unserer gegenwärtigen – von medialer Logik durchdrungenen – Gesellschaft.

Eine mögliche Antwort auf die Frage nach einem neuen Narrativ für uns Menschen kann daher sein:

Entwickle in deinem persönlichen Umfeld eine Hingabe, eine Kompassion und begebe dich somit in den Schwung, den „resonante Momente“ (also das was jeder Mensch auf die ein oder andere Art sucht) mit Menschen, Dingen, Denkschulen oder Lebewesen ausmachen. HABE den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es empfahl, und wende mentale Energie autotelisch an, um nach dem zu suchen, was dir guttut, damit du intrinsisch existieren kannst.

‚Jeder Mensch schreibt klammheimlich seine Biographie, spielt die Hauptrolle in seinem Film und führt dabei Regie‘, singt der wahrscheinlich wahrhaftigste deutsche Volksvertreter Herbert Grönemeyer.

Was der Mensch seit jeher sucht, das ist Einklang mit dem Moment. Und die Antwort auf die Frage nach dem guten Leben im Jahre 2019 ist vielleicht auch das Verständnis von Zeitlichkeit.


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Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Harfespieler kommentierte am 17. September 2019 at 11:53

    Oft ohne allzu viel Geld lebe ich toll in dieser Welt. Es könnte manchmal freilich besser sein. Doch nur wenige Menschen haben immer Schwein. Drum bin ich immer froh und halt bescheiden. Gerad‘ darum können mich viele meistens leiden. Dies alles wollt ich euch sagen, bevor ich morgen tu was Neues wagen.

  2. Sonnenfreund kommentierte am 16. September 2019 at 8:55

    Herzlichen Dank für die guten Worte. Als ich sie las, konnte ich mich deutlich daran erinnern, wie ich schon als junger Schüler in die humanistische Weite der Bildung entführt wurde. Auch heute denke ich gerne an die schöne Zeit zurück. Jetzt versuche ich als Rentner, diese Werte in unserer schwierigen Zeit sozial praktisch umzusetzen.

  3. Miesepeter kommentierte am 16. September 2019 at 7:29

    Manche haben das Glück, dass ihr Denken nicht durch wirtschaftliche Härten (Zwang zum Zusatzverdienst als kärglicher Rentner, Krankheit u.a.) eingeengt wird. Dann lässt sich gut in die Weiten von humanistischer Bildung vorstoßen. Dort befinden sich ja tatsächlich die Orientierungen / Werte, wie unsere Welt sein sollte. Aber der Rentneralltag ist für viele mehrheitlich wohl bescheidener und härter. Allein schon mit Blick auf die Rentenhöhen. Aber ein Pensionär wird da doch schon gut gegenhalten können?

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