Das gute Leben von heute

Das gute Leben

– Ein philosphisches Essay von Marius Fröchling, Juni 2019 –

Viel Zeit ist vergangen, seitdem sich der „Mensch“ schöpfunggeschichtlich konstituiert hat, die ersten zivilisatorischen Blüten austrieb und sich schließlich zur dem aufschwung, was wir heute die „Moderne“ (Sozialwissenschaftler sprechen auch von „Post-Moderne“) nennen.

Seitdem wurde viel Blut vergossen, gelogen, betrogen, gemeuchelt, geheuchelt, gefoltert und Schlimmeres. Nichtsdestotrotz: Die Möglichkeit des Menschen wachsen immer noch weiter an. Unsere Willenskraft kann in einer zunehmend digitalisierten und marktbasierten Gesellschaft Berge versetzen. Das gilt im Guten wie im Schlechten – wie auch immer man dies normativ für sich definiert. Doch was macht das mit der Lebensrealität von Zeitzeugen wie uns?

Die Philosophie würde Diskurse dieser Art wohl am ehesten der Frage nach dem guten Leben zuordnen. Gelehrte wie die Stoiker um Aurel und Seneca beschäftigten sich bereits in der Antike mit dieser Frage. In „De tranquillitate animi – Über die Ausgeglichenheit der Seele“ schreibt Seneca:

Alle sind in derselben Lage: diejenigen, die ihre Oberflächlichkeit nicht zur Ruhe kommen lässt, ihr Überdruss und die Sucht, einen Beschluss zu ändern, denen immer mehr gefällt, was sie hinter sich haben, und diejenigen, die trübsinnig dahindämmern. Denke noch an die, welche nicht anders als Leute, die schwer Schlaf finden, sich in ihrer Ruhelosigkeit bald auf diese, bald auf jene Seiten betten, bis sie aus Erschöpfung Ruhe finden. Indem sie ihre Lebensumstände fortwährend umgestalten, bleiben sie zuallerletzt bei dem, in welchem sie nicht Abneigung gegen Änderungen, sondern ihr für einen Neubeginn zu müdes Alter festhält. Denke noch an jene, die nicht durch Mangel an Standhaftigkeit, sondern durch den ihrer Schwerfälligkeit zu wenig wendig sind: sie leben nicht, wie sie wollen, sondern wie sie begannen.

Tausende Jahre hat dies nach wie vor seine Gültigkeit. Doch inzwischen haben unsere Handlungen weit größere Auswirkungen. Die Verantwortung des Einzelnen ist größer, weil sie „technologisch skaliert“ ist. Ein Mensch an einem Computer kann die Zündung sein für einen neuen Geschäftszweig, der LKWs auf Straßen bringt, Schiffe bewegt oder es abertausenden Menschen möglich macht, ein Problem zu lösen.

Das ist überwältigend, aber kognitiv auch enorm anstrengend.

Henri Bergson, der altehrwürdige französische Intellektuelle und Nobelpreisträger, der Mann der Einstein öffentlich falsifizierte und dessen Lesungen für massive Verkehrsstaus in Paris sorgten, weil er mit seinem existentialistischen Zugang – welcher beispielsweise der „Intuition“ einen wichtigen Stellenwert einräumt und ein lineares Zeitverständnis fundamental hinterfragt – ekstatische Verehrungen erzeugte (der Ur-Pädagoge John Dewey soll immerhin gesagt haben, nach Bergson müssten alle philosophischen Probleme neu gedacht werden), eben dieser Henri Bergson prognostiziert dem Leben nach dem II. Weltkrieg einen rasanten technologisch-rationalen Fortschritt, während der seelisch-spirituelle Anteil des Lebens nicht gleichmäßig mitwachsen und kultiviert würde.

Es ist also möglich, dass wir in einem Zeitalter angelangt sind, indem wir uns komplett autotelisch (also selbstsinnstiftend) steuern müssen, um den Menschen als Spezies wieder kompatibler zum Rest der Natur zu machen. Es gibt dazu schlüssige und authentische soziologische Denkkonzepte, wie Hartmut Rosas „Soziologie der Weltbeziehung“, die die grundsätzliche Frage aufwirft, wie der Mensch denn eigentlich mittlerweile „in die Welt gestellt“ sei in unserer gegenwärtigen – von Steigerungs-, Beschleunigungs- und Verdichtungszwängen durchdrungenen – Gesellschaft. Rosas Diagnose ist vernichtend: Der moderne Mensch ist entfremdet.

Doch ein „Zurück-zu-früher“ sucht vergebens nach Beispielen aus der Geschichte – und wäre zumindest unlogisch, wenn man die Existenz in der Zeit mit Bergson als „im Voranrücken anschwillend“ versteht. Der Blick nach vorne muss daher ein modernes Narrativ sein:

Entwickle in deinem persönlichen Umfeld eine Hingabe, eine Kompassion und begebe dich somit in den „Élan vital“, in den Schwung, der „resonante Momente“ mit Menschen, Dingen, Denkschulen oder Lebewesen ermöglicht. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es empfahl, aber ordne dich nicht bestehenden Meinungslagern unter, sondern wende mentale Energie autotelisch an, um nach dem zu suchen, was dir persönlich guttut, damit du intrinsisch existieren kannst. Nur so lässt sich Camus‘ Absurdität des Lebens trotzen, nur so kann der Nachhaltigkeitsgedanke sprießen, nur so lässt sich das System der Marktlogik abdämpfen. Denn im Gleichklang mit der eigenen Zeit, aufmerksam im Moment, bedacht auf eigenes Wirken und Schaffen, fällt es leichter den Konsumleidenschaften zu trotzen, die unsere Gesellschaft verschmachten lassen.

Denn: „Man kann auch gut konsumieren und trotzdem dahin vegetieren“ – Rudi Dutschke.


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Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Harfespieler kommentierte am 17. September 2019 at 11:53

    Oft ohne allzu viel Geld lebe ich toll in dieser Welt. Es könnte manchmal freilich besser sein. Doch nur wenige Menschen haben immer Schwein. Drum bin ich immer froh und halt bescheiden. Gerad‘ darum können mich viele meistens leiden. Dies alles wollt ich euch sagen, bevor ich morgen tu was Neues wagen.

  2. Sonnenfreund kommentierte am 16. September 2019 at 8:55

    Herzlichen Dank für die guten Worte. Als ich sie las, konnte ich mich deutlich daran erinnern, wie ich schon als junger Schüler in die humanistische Weite der Bildung entführt wurde. Auch heute denke ich gerne an die schöne Zeit zurück. Jetzt versuche ich als Rentner, diese Werte in unserer schwierigen Zeit sozial praktisch umzusetzen.

  3. Miesepeter kommentierte am 16. September 2019 at 7:29

    Manche haben das Glück, dass ihr Denken nicht durch wirtschaftliche Härten (Zwang zum Zusatzverdienst als kärglicher Rentner, Krankheit u.a.) eingeengt wird. Dann lässt sich gut in die Weiten von humanistischer Bildung vorstoßen. Dort befinden sich ja tatsächlich die Orientierungen / Werte, wie unsere Welt sein sollte. Aber der Rentneralltag ist für viele mehrheitlich wohl bescheidener und härter. Allein schon mit Blick auf die Rentenhöhen. Aber ein Pensionär wird da doch schon gut gegenhalten können?

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