Babyboomer gehen in Rente: Wie reagiert die Politik?

Babyboomer Rente

Die Babyboomer kommen langsam in Rente – schätzungsweise werden sich rund 10 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den nächsten Jahren in den Ruhestand verabschieden. Während manche auf die Rente schwierige Zeiten zukommen sehen und düstere Prognosen an die Wand malen, sagen andere, dass genau dies auch Chancen birgt. Was bedeutet es also konkret für die Rente, wenn die Babyboomer in den Ruhestand gehen? Und was kann die Politik hier tun?

Wenn von Babyboomern die Rede ist, sind die geburtstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er-Jahre gemeint. Bekanntermaßen kam es in der Folgezeit, nämlich ab den 1970er-Jahren, zum sogenannten Pillenknick. Deutlich weniger Kinder kamen auf die Welt.

Für die nächsten 20 Jahre haben Demographen deswegen errechnet, dass rund 20 Millionen Erwerbstätige in Rente gehen werden, aber nur 14 Millionen neue Arbeitnehmer auf den Arbeitsmarkt nachrücken werden. Es müssen also weniger Erwerbstätige für mehr Rentner aufkommen.

Dem schließen sich die bekannten Forderungen an: Frauen sollen mehr arbeiten und natürlich soll vor allem die Lebensarbeitszeit verlängert werden. Die Rente mit 70 ist dieser Rechnung zufolge eine Schlussfolgerung, die auf der Hand liegt.

Bei näherer Betrachtung dieser so einfachen Schlussfolgerung kommen allerdings Fragen auf. Beispielsweise führt das renommierte “Handelsblatt” in einem Beitrag zum Thema eine Einschätzung des “Institus für deutsche Wirtschaft” (IW) auf. Dabei wird Holger Schäfer vom IW zitiert:

Insbesondere die Verlängerung der Lebensarbeitszeit erscheine als aussichtsreiche Maßnahme

– IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer (https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/studie-renteneintritt-der-babyboomer-koennte-weniger-dramatisch-sein-als-befuerchtet/25058786.html).

Nun sollte man wissen, dass das IW, das einen sehr allgemeinen Namen trägt, der Seriosität suggeriert, eine reine private Organisation ist, die als sehr arbeitgebernah gilt und wirtschaftsliberale Positionen vertritt. Präsident Günther Kirchhoff etwa ist unter anderem Vizepräsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände und Vizepräsident des Verbands der Automobilindustrie. Das IW ist also ein Think Tank, eine Denkschule, die von Verbänden und Unternehmen der Wirtschaft finanziert wird.

Somit greift das “Handelsblatt” eine sogenannte “Expertenmeinung” auf, die auf der Einschätzung einer arbeitgebernahen Institution basiert. Dem Leser wird jedoch suggeriert, dass es sich um eine unabhängige, neutrale Einschätzung handelt. Droht uns hier also das Gleiche wie bei den Hartz-Gesetzen, die bekanntermaßen aus dem Hause Bertelsmann stammten? Dass erneut angeblich “alternativlose” politische Entscheidungen gefällt werden und diese der Bevölkerung als unumstößliche Tatsachen präsentiert werden? Dass die Rente mit 70 unausweichlich ist?

Damit soll jetzt nicht ausschließlich auf das “Handelsblatt” und das IW mit dem Finger gezeigt werden, denn mit dieser Vorgehensweise – ohne kritisches Hinterfragen sogenannte “Expertenmeinungen” zu zitieren, die im Grunde genommen interessegeleitet sind – steht das “Handelsblatt” in der deutschen Medienlandschaft nicht alleine. Es ist also immer interessant zu fragen, welche Personen da als “Experten” angeführt werden – eine Aufforderung zum kritischen Lesen von Medienbeiträgen. Denn auf Grundlage dieser „Expertenmeinungen“ werden die öffentliche Meinung beeinflusst und politische Entscheidungen gefällt.

Alles andere als alternativlos

Es gibt nämlich durchaus eine andere Sicht der Dinge, welche Folgen es für die Rente haben könnte, wenn die Babyboomer-Generation nach und nach in Rente geht. Die Wirtschaftsjournalistin Katja Scherer zum Beispiel verweist darauf, dass dies vor allem für Berufsanfänger eine günstige Ausgangsposition ist. Im Vergleich zur Babyboomer-Generation haben die Millenials viel öfter studiert und sind im Durchschnitt qualifizierter. Im Gegensatz zu den Babyboomer haben diese geburtenschwächeren Jahrgänge mit deutlich weniger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen. Zudem sei angemerkt, dass die Produktivität deutscher Arbeitnehmer von Jahr zu Jahr steigt und deutlich höher liegt als noch vor einigen Jahren. Insofern gilt die Devise: Produktivität schlägt das demographische Argument. Die Digitalisierung leistet dabei einen wichtigen Beitrag.

Deutschland hat außerdem in den letzten Jahren eine starke Zuwanderung erfahren. Jedoch stellt sich hier die berechtigte Frage, inwiefern Migranten es künftig schaffen werden, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuss fassen.

Scherer verweist allerdings auch auf einen problematischen Umstand: Die Wirtschaftsjournalistin sieht, dass in den kommenden Jahren vor allem Erwerbstätige aus der öffentlichen Verwaltung, Berufe wie zum Beispiel Lkw-Fahrer und – nicht weiter erstaunlich – Angehörige der Pflegeberufe in Rente gehen werden (https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/arbeitsmarkt-babyboomer-gehen-in-rente-chance-fuer-junge-arbeitnehmer).

Es stellt sich also erneut die dringende Frage, wie man etwa Pflegeberufe für Arbeitnehmer attraktiver gestalten kann. Zudem werden auch viele Babyboomer nach und nach pflegebedürftig werden, was eine Lösung dieser Frage noch drängender macht.

Noch wesentlich wichtiger ist für unsere Fragestellung allerdings das, was der Oekonom Herbert Giersch (1921-2010), jahrelang graue Eminenz im Wirtschaftsministerium, das “Diktat der leeren Kassen” genannt hat:

Wenn man verhindern will, dass der Staat zu viel Geld für Soziales ausgibt, muss man dafür sorgen, dass der Staat weniger einnimmt.

Es sei wesentlich geschickter, die Einnahmen des Staates zu schmälern als Sozialausgaben direkt zu kürzen, so Giersch. Wichtigstes Mittel wiederum, um die Einnahmen des Staates zu senken, sind Steuersenkungen (für Unternehmen) und Privatisierungen. Insofern ist es sehr plausibel, dass Sozialpolitiker immer wieder eine angemessene Besteuerung großer Unternehmen und vor allem von Multikonzernen wie Google, Facebook oder Amazon fordern und großer Vermögen.

Erst 2019 war der Vorstoß Frankreichs gescheitert, eine Besteuerung der großen Digitalkonzerne auf europäischer Ebene durchzusetzen. Wie die “Welt” schreibt, entrichten der EU-Kommission zufolge Digitalfirmen im Schnitt Unternehmenssteuern von rund neun Prozent – bei klassischen Betrieben sind es durchschnittlich mehr als 20 Prozent. (https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article190209973/Digitalsteuer-fuer-Amazon-und-Co-ist-gescheitert.html).

Frankreich und andere Länder haben sich in der Folge für einen nationalen Alleingang entschieden, stießen aber auf erheblichen Widerstand der US-Amerikaner. Steuerschlupflöcher und Steuerhinterziehung der grossen Konzerne bleiben deswegen nach wie vor ein großes Thema, wenn man das Thema Rente sach- und faktenorientiert diskutieren will. Derzeit gestaltet sich die Sachlage so, dass die Kosten für die Rente auf die Arbeitnehmer einseitig abgewälzt werden, während Multikonzerne und die Besitzer großer Vermögen keinen angemessenen Beitrag leisten müssen – im Grunde genommen eine einfache Rechnung. Da große Unternehmen angesichts drohenender größerer Steuerbelastungen mit der Auswanderung ins billigere Ausland drohen, stellt sich die Frage, wie man sie dennoch zum Bleiben am Wirtschaftsstandort Deutschland bewegen kann.

Zuletzt sei im Hinblick auf das „Diktat der leeren Kassen“ noch eine Fußnote gestattet: CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer steht derzeit in der Kritik, weil sie eine Bestellung von 45 atomwaffenfähigen Kampfjets in den USA abgeschickt haben soll, um die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands künftig zu sichern. De facto soll mit diesen Kampfjets gesichert werden, dass Atomwaffen über die Airbase Rammstein transportiert werden können, nur für den „Ernstfall“, das versteht sich. Das sehr umstrittene Projekt würde elf Milliarden Euro kosten. Wenn also bestimmte Kreise die explorierenden Kosten bei der Rente als düstere Zukunftsprognose beklagen und deswegen eine längere Lebensarbeitszeit fordern, stellt sich die Frage, wieso für Rüstung etc. offensichtlich sehr wohl Geld vorhanden ist.

Hinsichtlich des Themas „die Babyboomer gehen bald in Rente“ ist also noch nicht das letzte Wort gesprochen. Dies sollen hierbei lediglich einige Anregungen zum Thema sein, das damit sicherlich nicht erschöpfend behandelt wurde.

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Über die Autorin

BabicMarijana Babic ist Literaturwissenschaftlerin und Historikerin. Nach einigen Jahren im Verkauf hat sie sich nach Abschluss ihres Magister-Studiums 2006 als Journalistin, Texterin und Lektorin selbstständig gemacht. Schwerpunkte dabei sind Soziales, Psychologie und Psychopharmakologie. Eine neue Website befindet sich derzeit noch im Aufbau.

Marijana Babic
Heinrich-Fuchs-Straße 120
69126 Heidelberg
E-Mail: marijana.babic@outlook.de
Telefon: 06221 433 5307

Bildquelle: beeboys – Fotolia


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Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Speedy kommentierte am 10. August 2020 at 11:16

    „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Immanuel Kant)

    Wer diese ganzen Märchen hinsichtlich unseres Rentensystems noch glaubt… Würde die hart arbeitende Bevölkerung nicht an allen Ecken und Enden versucht auszubeuten und zu enteignen zu Gunsten derer, die den Hals nicht voll bekommen (siehe z. B. Niedriglohnsektor, Sparformen zu Lasten der Anleger/zu Gunsten der Anbieter, permanente Kostensteigerungen, Steuergeldverschwendung, etc.), wäre auch genügend Geld für die komplette einheimische Bevölkerung da! Es gäbe keine Armut, Obdachlosen, etc.. Die „Babyboomer“ haben oft schon nach der Schule mit 16 angefangen zu arbeiten, da man früher nicht so einfach mal studieren gehen konnte, weil die Nachkriegsgeneration es sich finanziell nicht leisten konnte und auch nicht so viele Studienplätze vorhanden waren, wie heute. Mit 56 haben diese also schon 40 Jahre harter Arbeit mit regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche, ohne ständiges Jammern und Nörgeln, auf dem Buckel und sollen noch bis 67 arbeiten (Jahrgang 1964 aufwärts)? Lächerlich! – wer rechnen kann, ist klar im Vorteil… unsere Eltern konnten mit 60 mit gut auskömmlicher Rente in den wohlverdienten Ruhestand gehen und waren dann auch schon körperlich und psychisch fertig. Jeder sollte grundsätzlich eigenverantwortlich entscheiden können, wie lange er/sie arbeiten gehen möchte/kann. Wir brauchen kein Sozialsystem, welches seinen Namen nicht verdient, wenn es uns an den Rand der Armut treibt durch ständige Kürzungen. Die Studierten sind ganz sicher nicht qualifizierter für das Berufsleben als wir, wie oben angedeutet, da wir uns das ganze Leben lang auch neben dem Beruf weitergebildet haben. Sie müssen erst die Praxiserfahrung bekommen, was wir regelmäßig im Betrieb erleben, das ist nicht viel anders als mit den Auszubildenden, die zur Berufsschule gehen. Sich selbst zu organisieren, Zusammenhänge in den verschiedenen Branchen zu erkennen, mit verschiedensten Geschäftspartnern umzugehen und komplexe Vorgänge korrekt abzuarbeiten müssen auch die Studierten erst lernen, da sie nur die Theorie kennen. Es kann auch nicht jeder Manager werden, das ist höchstens Wunschdenken. Freut Euch doch, wenn die Babyboomer bald in Rente gehen, werden bald ganz viele Arbeitsplätze frei, die dann auch von den bis dahin oft studierten und gut in der Praxis ausgebildeten Zuwanderern übernommen werden können, diese sich auch nicht mehr zu Hause langweilen müssen. Die Zahl der Geburten steigt dank unserer zugewanderten Mitbürger ja auch wieder ordentlich, so dass die Nachfolge doch ebenfalls schon gesichert sein sollte. Und vielleicht wandern wir, wie inzwischen viele andere vor uns, im Rentenalter auch, zumindest zeitweise, aus, dahin, wo das Leben noch etwas lebenswerter ist, als inzwischen in Deutschland, wo man sich auch aufgrund des täglichen Wahnsinns durch Stress, Vermüllung, Lärm, Rücksichtslosigkeit seinen Mitmenschen, der Natur und den Tieren gegenüber sowie Kriminalität inzwischen oft fremd im eigenen Land fühlt.

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