Interview mit Annelie Buntenbach aus dem DGB-Bundesvorstand: “Drei-Säulen-Altersvorsorge: Nur der Versuch, die Kostenabwälzung auf Beschäftigte hübsch zu verpacken”

Interview

Die Rente wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Schlüsselthema bei den anstehenden Bundestagswahlen 2017 sein. Denn in Deutschland ist ein Diskurs über den Zustand der gesetzlichen Rentenversicherung entbrannt, der immer wieder von neuen, besorgniserregenden Zahlen befeuert wird. Unsere Redaktion will daher den Plänen der einzelnen Streitparteien auf den Grund gehen. Heute stellt sich Annelie Buntenbach als DGB-Vertreterin unserem Interview.

BuntenbachDGB LogoZur Person:
Als Mitglied des geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes gehört Annelie Buntenbach zu den prominentesten Gewerkschaftsvertretern Deutschlands. Die studierte Lehrerin ist zudem Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit und darüber hinaus Mitglied im Sozialbeirat der Bundesregierung. Ehrenamtlich ist Buntenbach zudem alternierende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Buntenbach, wir erhalten nahezu täglich Zuschriften und Kommentare von Bürgern, die mit dem deutschen Rentensystem in seiner jetzigen Form unzufrieden sind. In einer Umfrage unter unseren Lesern haben 71 Prozent das deutsche Rentensystem mit den Schulnoten “5” oder “6” abgestraft. Kann man hier von berechtigtem Unmut sprechen oder fehlt es den Leuten eher an Informationen und Vergleichswerten? So schlecht schneidet unserer Sozialstaat im internationalen Vergleich doch gar nicht ab?

Buntenbach Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, selbst Industriestaaten, kann sich unser Sozialstaat sicher sehen lassen. Das heißt aber nicht, dass in Deutschland alles in Ordnung wäre: Wir haben einen riesigen Niedriglohnsektor, wir haben Kinderarmut, wir haben eine wachsende Zahl armer Rentnerinnen und Rentner. Die sozialpolitischen Herausforderungen werden uns also auch hierzulande nicht so schnell ausgehen. Unsere gesetzliche Rentenversicherung ist allerdings besser als ihr Ruf. Vielleicht haben auch die politischen Entscheidungen der Vergangenheit zu dem kritischen Urteil Ihrer Leser beigetragen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Ist das System einer gesetzlichen Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren in Anbetracht des demografischen Wandels denn überhaupt noch sinnvoll? Nach pessimistischen Schätzungen ja soll schon Mitte dieses Jahrhunderts ein Arbeitnehmer fast alleine für einen Rentner aufkommen müssen.

Buntenbach: Das Umlageverfahren ist nicht nur sinnvoll, es ist sogar die verlässlichste und solidarischste Form der Alterssicherung. Durch die private Altersvorsorge ist die Rente weder billiger oder sicherer geworden. Die Kosten wurden lediglich von den Arbeitgebern auf die Beschäftigten verlagert. Und der demographische Wandel ist nicht neu, es gibt ihn schon seit ungefähr 150 Jahren. Trotzdem konnten wir uns einen besseren und gerechteren Sozialstaat leisten.

Außerdem verkürzt die Diskussion um den so genannten Altenquotienten das Problem. Die entscheidende Frage ist ja nicht, wie viele Personen über 65 auf wie viele zwischen 15 und 65 kommen, sondern die Frage: Wie viele Menschen muss eine erwerbstätige Person insgesamt versorgen? Zuerst einmal sich selbst, dann die Kinder, die Alten, die Kranken, die Erwerbsgeminderten und die Erwerbslosen. Heute versorgen rund 43 Mio. Erwerbstätige rund 82 Millionen Menschen. 2040 wären es dann ungefähr 35 Mio. Erwerbstätige auf 75 Mio. Menschen. Dabei spielt auch die steigende Produktivität eine Rolle: Ein Bauer ernährt heute auch nicht mehr nur acht sondern rund 80 Menschen.

Politisch formuliert lautet die Frage nicht, ob wir uns eine gute Rente leisten können, sondern ob wir das wollen. Die Gewerkschaften sagen ganz klar: Ja! Die Beschäftigten brauchen eine solidarische und paritätisch finanzierte Versorgung im Alter und bei Erwerbsminderung. Sie muss sicherstellen, dass am Ende eines langen Erwerbslebens eine Rente steht, die vor sozialem Abstieg und Armut schützt.

Infomagazin Seniorenbedarf: „Rente muss reichen“: Sehr medienwirksam lanciert der DGB seine aktuelle Kampagne zur Rente, die mit leicht verständlichen Rentenszenarien aus der Bevölkerung auffällt. Was muss sich ändern, damit „die Rente reicht“?

Buntenbach: Die Politik muss dringend umsteuern und als erstes die Talfahrt des Rentenniveaus stoppen. Das ist selbst im Rahmen des von der Politik gesetzten Beitragssatzes von bis zu 22 Prozent bis 2030 machbar. Gleichzeitig müssen die Beiträge in verkraftbaren kleinen Schritten angehoben werden. Damit wird eine so genannte Demografie-Reserve aufgebaut, die uns die Zeit verschafft, die Weichenstellungen für die Zukunft der Rentenversicherung vorzubereiten.

Für uns ist entscheidend, vom Tunnelblick wegkommen, der sich allein auf den Beitragssatz richtet. Wir können uns doch nicht andauernd über den Rentenbeitrag streiten und gleichzeitig zulassen, dass die Rente immer tiefer in den Keller geht. Wir müssen, andersherum, auf die Leistungsseite der Rente gucken – also, was am Ende herauskommt. Was nutzt mir eine Versicherung, die billig ist, aber mit der ich, wenn der Versicherungsfall eintritt, nicht über die Runden komme?

Infomagazin Seniorenbedarf: In Deutschland wird in letzter Zeit viel von den “drei Säulen der Altersvorsorge” gesprochen. Insbesondere liberal orientierte Parteien setzen neben gesetzlicher und betrieblicher Rente auf eigenverantwortliche Privatvorsorge. Ist das die Zukunft? Hat uns die Bankenkrise nicht gezeigt, welche Unsicherheiten existieren, wenn Geldanlagen von Privatunternehmen gemanagt werden?

Buntenbach: Die Rente über “drei Säulen” zu regeln ist doch nur der Versuch, die Kostenabwälzung auf die Beschäftigten hübsch zu verpacken. Durch dieses Modell werden nur die Arbeitgeber entlastet. Die Beschäftigten zahlen drauf. Das „Drei-Säulen-Modell“ sieht vor, dass die Beschäftigten ihren Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung zahlen und zusätzlich mindestens vier Prozent ihres Bruttolohns sparen. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 3000 Euro sind das rund 180 Euro im Monat oder mehr als 2000 Euro im Jahr. Und zur finanziellen Belastung kommen die Risiken am Kapitalmarkt noch hinzu.

Infomagazin Seniorenbedarf: In einem klassischen deutschen Haushalt ist nach wie vor der Ehemann Hauptverdiener. Erziehungszeiten kann sich die Ehefrau zwar anteilig für ihre spätere Rente anrechnen lassen. Aber nach den vielen Jahren ohne berufliche Praxis haben es viele Frauen irgendwann schwer, einen Job zu finden, der vergleichbare Privilegien und Einkünfte mit dem des Mannes verspricht – was natürlich ebenfalls Auswirkungen auf Rentenzahlungen & Co hat. Wie lässt sich das verbessern? Manche Stimmen fordern, dass Kinder noch frühzeitiger in Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen gegeben werden, um den Eltern den Wiedereinstieg in den Beruf schneller zu ermöglichen. Bleibt da nicht die Eltern-Kind-Beziehung auf der Strecke?

Buntenbach: Das muss jede Familie letztendlich für sich entscheiden. Wir wissen allerdings, dass sich längere Unterbrechungen der Arbeit negativ auf den Erwerbsverlauf auswirken. Mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes ist jetzt klar gestellt, dass Ansprüche bestehen, die Kinder extern betreuen zu lassen, um so Familie und Beruf zu vereinbaren. Wir sind da mittlerweile auf einem guten Weg. Problematisch ist aber, dass viele Frauen in dieser Lebenssituation erst einmal in Teilzeit, vor allem Minijobs, gehen und aus dieser Situation dann nicht mehr rauskommen – mit weitreichenden Folgen für den Berufsweg, das Einkommen und die spätere Rente. Der DGB mahnt seit geraumer Zeit Reformen an, die wir auch im Wahlkampf thematisieren werden.

Infomagazin Seniorenbedarf: Immer mehr Menschen arbeiten nicht bis zum Rentenbeginn in Vollzeit. Dadurch fällt ihre Rente geringer aus. Sind verbesserte Weiterbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten da eventuell ein Schlüssel, um eine uneingeschränkte Erwerbstätigkeit bis Rentenbeginn sicherzustellen?

Buntenbach: Weiterbildung hilft. Aber sie darf nicht erst einsetzen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, also Arbeitslosigkeit schon eingetreten ist oder ein höheres Lebensalter erreicht ist. Ziel sollte sein, dass Menschen jenseits der 40 ihre beruflichen Kenntnisse aktuell halten. Fachleute nennen das, die berufliche Mobilität zu erhalten. In diesem Punkt sind wir in Deutschland bisher schlecht aufgestellt.

Im Zuge der Digitalisierungs-Diskussion gibt es jetzt allerdings neue Lösungsansätze, z.B. die Arbeitslosenversicherung weiterzuentwickeln zu einer Arbeitsversicherung, die auch präventiv tätig wird. Darüber könnte in Zukunft Weiterbildung ermöglicht werden. Das ist aber nicht zum Nulltarif zu haben. Deswegen müssen auch die Unternehmen mehr tun, Weiterbildung darf nicht nur Jüngeren angeboten werden, wenn es Fachkräftemangel gibt. Es muss auch auf die bestehende Belegschaft geschaut werden, die Potenziale sind größer als viele Unternehmen meinen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Rente als Wahlkampfthema 2017 – das passt den Volksparteien offenbar nicht so gut in den Kram. Ihnen schon eher, oder?

Buntenbach: Wie wir im Alter leben wollen ist eine zentrale Frage für junge und alte Menschen, aber auch eine Grundsatzfrage unseres Sozialstaates. Wer dieses Thema im Wahlkampf ausklammert, will über Alternativen offenbar erst gar nicht reden. Zum Beispiel darüber, wie wir so genannte gesamtgesellschaftliche Aufgaben finanzieren. Das passiert heute viel zu oft über die Beitragskasse statt aus dem Steuertopf. Ein Beispiel ist die Mütterrente, die im Jahr sieben Mrd. Euro ausmacht: Im Prinzip eine gute Sache, sollte aber von allen bezahlt werden und nicht allein von den Sozialversicherten.

Und wer behauptet, die Stabilisierung des Rentenniveaus belaste die Jugend, will Alt und Jung gegeneinander aufbringen. Als interessierten sich jüngere Berufstätige nur für niedrige Beiträge, die Höhe ihrer späteren Rente sei ihnen dagegen völlig egal. Ich glaube das nicht. Wir dürfen es jüngeren Generationen nicht länger zumuten, stetig steigende Beiträge zu zahlen und später immer weniger Rente zu bekommen. Und im Jahr 2025 würde es einen Durchschnittsverdiener gerade mal 7,29 Euro im Monat kosten, wenn wir das Rentenniveau stabilisieren. Das ist weniger als eine Kinokarte.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Buntenbach, haben Sie vielen Dank für das Interview.


1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
4.00 von 5 Punkten, basierend auf 3 abgegebenen Stimmen.


Bewerten Sie diesen Artikel - Hinterlassen Sie gerne auch ein Kommentar!
Loading...


Stiftung Warentest Hinweis

Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Sperling kommentierte am January 12, 2017 at 8:25 am

    Woher kommt die Forderung beschäftigt in einem volkseigenen Produktionsbetrieb und was ist ein solcher.

Kommentar schreiben

(auch anonym möglich)

Hier haben Sie die Möglichkeit den Beitrag (wenn Sie mögen anonym) zu kommentieren und Ihre Erfahrungen und Meinungen zu schildern. Wir freuen uns über jeden Kommentar!

Rentner, Senioren, ältere Menschen, goldene Jahre, Herbst des Lebens, Silver Surfer - Bezeichnungen für die Leser dieses Magazins gibt es viele. Wir möchten darauf hinweisen, dass wir in unseren Publikationen so weit wie möglich mit neutralen und wertfreien Bezeichnungen arbeiten bzw. allgemein an "den Leser" adressieren.
Seniorenbedarf.info