“Das Wohl der älteren Menschen muss zu einer Priorität werden” – Interview mit Dr. Rosine Lambin vom Evangelischen Bildungswerk

Interview

Der demografische Wandel streitet mit großen Schritten voran – doch ist die Gesellschaft bereit dafür? Die Theologin Dr. Rosine Lambin nimmt im Interview Stellung zu dieser und anderen Fragen, die besonders die älteren Mitglieder unserer Gesellschaft betreffen.

Zur Person:

Evangelisches BildungswerkSeit 2005 ist Frau Dr. Rosine Lambin im Evangelischen Bildungswerk München als Pädagogische Referentin tätig. Sie promovierte an der Paris Sorbonne Universität in vergleichender Religionswissenschaft, nachdem sie ein Studium der Theologie absolvierte.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Dr. Lambin, gestatten Sie eingehend eine Frage zum Thema Glauben. Die “christliche Volkspartei” CDU erlebte in den letzten Dekaden herben Wählerschwund. Religionskritiker wie Philipp Möller gewinnen an Popularität. Seit 2012 steigt die Zahl der Kirchenaustritte wieder. Wie steht es um den christlichen Glauben in unserem Land?

Lambin: Das Christentum hat als Ursprung einen Religionskritiker, Jesus. Deswegen mache ich mir keine Sorgen. Glauben bedeutet für mich Gelassenheit und Vertrauen, loslassen anstatt sich an etwas festzuhalten: “Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren”. Man kann auch viel aus Krisen lernen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Der demografische Wandel schreitet mit jedem Tag stärker voran. Bis 2060 soll jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Sind wir als Gesellschaft dafür bereit?

Lambin: Nein, wir sind nicht bereit, besonders im Bereich der Pflege. Es muss dringender denn je nach Lösungen gesucht werden. Das Wohl der älteren Menschen muss zu einer Priorität werden.

Infomagazin Seniorenbedarf: Das Rentensystem steht an einem Scheideweg. Zwar unterstreicht die Politik die fundamentale Relevanz der gesetzlichen Rente, wird aber auch nicht müde betriebliche und private Zusatzvorsorge zu lancieren. Ist das auch in Ihren Augen unausweichlich? Ist der Sozialstaat ein Auslaufmodell?

Lambin: Im Gegenteil, nur Sozialstaaten können der Ungleichheit und der Spaltung in der Gesellschaft entgegenwirken, sonst wird die Kluft zwischen arm und reich immer tiefer. Leider geht momentan der Trend in die andere Richtung.

Infomagazin Seniorenbedarf: Welche Aufgaben übernimmt das Evangelische Bildungswerk im sozialen Bereich?

Lambin: So viel wir können. Wir haben nicht nur ein großes Seniorenprogramm, mit dem Ziel ältere Menschen optimal im Leben zu begleiten, sondern auch andere Bereiche wie u.a. ein Programm für die Tätigkeit in gemeinnützigen Einrichtungen, für die Lernbegleitung von Kindern oder für die ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten. Eine Gruppe von Syrern benutzt z.Z. unsere Räume.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sie bieten u. a. einen Lehrgang zum Demenzhelfer bzw. Seniorenbegleiter an. Ist der Bedarf in diesem Gebiet sehr hoch? Was passiert inhaltlich in diesem Lehrgang?

Lambin: Leider haben wir in letzter Zeit einen starken Rückgang an Freiwilligen in der Arbeit mit älteren Menschen beobachten können.

Aber der Lehrgang zur Seniorenbegleitung und DemenzhelferInnen, der seit 2001 besteht und in Kooperation mit den Johannitern angeboten wird, ist bis jetzt immer zustande gekommen. Wir bemühen uns sehr um Qualität und wollen den Lehrgang in 16 Tagen plus Praktikum weiterführen, da wir überzeugt sind, dass die Inhalte, die wir in der Zeit vermitteln, absolut notwendig sind nicht nur für eine hoch qualitative Begleitung älterer Menschen sondern auch für die Teilnehmenden selbst.

Diese Inhalte sind: Aufgabe, Pflichten und Rolle der SeniorenbegleiterInnen und DemenzhelferInnen, Alternsprozesse, Bedürfnisse, Sexualität, Ernährung, Biografiearbeit, Beschäftigung und Methoden der Tagesgestaltung, verbale und non-verbale Kommunikation, Krankheitsbild Demenz, an Demenz erkrankte Menschen besser verstehen, Alterskrankheiten, Rehabilitation, Psychiatrische Krankheitsbilder (z.B. Depression, Wahn, Zwang, Sucht), Krisenintervention, Gewalt im Alter, die Situation Schwerkranker und Sterbender, Angehörigenarbeit, gesetzliche Betreuung, Vollmacht, Patientenverfügung, Pflegestärkungsgesetz, Netzwerkarbeit, Institutionenkunde und Beratung, Versicherungsschutz, Haftungsfragen, Einsatz und Abrechnungsmodalitäten.

Infomagazin Seniorenbedarf: Uns liegen Erfahrungsberichte vor, die insbesondere im Feld der Pflege ein erschreckendes Bild zeichnen. Enge Zeitpläne, schlechte Behandlung durch das Pflegepersonal, hohe Kosten. Wie lassen sich die Zustände in der Altenpflege verbessern?

Lambin: Ich würde sagen, man sollte vielleicht mehr auf Herrn Claus Fussek hören? Und es gibt schon Pflegeeinrichtungen in Deutschland, die sich sehr viel Mühe geben und sich immer weiter verbessern wollen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Der Familienzusammenhalt in Deutschland scheint zu bröckeln. Wo früher noch mehrere Generationen unter einem Dach gelebt haben, wohnt man heute hunderte Kilometer voneinander entfernt. Entwurzelt sich das Individuum immer stärker von seiner Familie?

Lambin: Ja, ich bin selber ein Beispiel dafür, da ich überall Verwandtschaft habe (Frankreich, Karibik, Schweiz…).

Infomagazin Seniorenbedarf: Frau Dr. Lambin, was kann der Einzelne tun, um die Lebensbedingungen in unserem Land zu verbessern?

Lambin: Versuchen zuzuhören, menschlich, solidarisch und offen sein, sich sozial und politisch engagieren und die Augen nicht schließen, wenn man etwas Schlimmes beobachtet.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Dr. Lambin, haben Sie vielen Dank für dieses Interview.

Lesen Sie ergänzend zu diesem Interview mehr zum Lehrgang im Bereich Seniorenbegleitung / Demenzhelfer des Evangelischen Bildungswerks.


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