Interview zur Rentenpolitik mit SPD-Generalsekretärin Katarina Barley: “Wir sind mit unserem Modell der sozialen Marktwirtschaft gut gefahren”

Interview18. August 2016. In den vergangenen Wochen sorgten immer neue Meldungen rund um die gesetzliche Rente für Gesprächsstoff. Schon jetzt gilt das Thema Rente als relevantes Wahlkampfthema bei den Bundestagswahlen 2017. Grund genug, führende Parteirepräsentanten in einer Interviewreihe nach Inhalten und Standpunkten zu befragen. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley stellt sich heute unserem Interview zur Rentenpolitik.

Katarina BarleySPDZur Person
Seit Dezember 2015 bekleidet Katarina Barley das Amt der SPD-Generalsekräterin, für das sie auf Vorschlag von Sigmar Gabriel mit 93% der Delegiertenstimmen bestätigt wurde. Die promovierte Juristin ist Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Trier und zudem Mitglied des Ältestenrats des Bundestages.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Barley, wir erhalten nahezu täglich Zuschriften und Kommentare von Bürgern, die mit dem deutschen Rentensystem in seiner jetzigen Form unzufrieden sind. Ist dieser Unmut berechtigt oder fehlt es den Bürgern lediglich an Informationen und Vergleichswerten?

Barley: Ob der Unmut berechtigt ist oder nicht hängt immer vom Einzelfall ab. Die gesetzliche Rentenversicherung hat sich in Deutschland bewährt. Sie hat viele Krisen überstanden und ist aus meiner Sicht die gerechteste Form der Altersversorgung. Klar ist natürlich auch, dass die soziale Sicherung immer wieder neuen Gegebenheiten angepasst werden muss.

Infomagazin Seniorenbedarf: Ist das System einer gesetzlichen Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren in Anbetracht des demografischen Wandels denn überhaupt noch sinnvoll?

Barley: Welche Probleme andere, kapitalgedeckte, Systeme haben, sehen wir gerade in der Niedrigzinsphase. Ich sehe keine andere Form der Alterssicherung, die sinnvoller und vor allem gerechter wäre. Die gesetzliche Rentenversicherung hat viele Elemente des sozialen Ausgleichs, wie zum Beispiel die Absicherung des Erwerbsunfähigkeitsrisikos, die in anderen Systemen nicht oder nur sehr teuer versichert werden. Die gesetzliche Rentenversicherung sollte also die erste Säule der Alterssicherung bleiben und gestärkt werden. Entscheidend für die Akzeptanz der gesetzlichen Rente bei den Menschen ist, dass das Rentenniveau nicht weiter sinkt. Uns ist darüber hinaus insbesondere die Stärkung von Betriebsrenten und ihre bessere Verbreitung in kleinen und mittleren Unternehmen ein wichtiges Anliegen. Unsere Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet derzeit an einem Gesamtkonzept, das Ende des Jahres vorliegen wird.

Infomagazin Seniorenbedarf: Neuste Reformpläne sehen eine Angleichung des Rentenrechts alter und neuer Bundesländer vor, also eine Vereinheitlichung des Rentenpunktesystems. Das ist doch begrüßenswert, oder?

Barley: Ja, das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart und Andrea Nahles hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt. 26 Jahre nach der Einheit ist das eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichbehandlung, nun auch die Einheit in der Rente nach zu vollziehen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Insbesondere von Selbstständigen, Freiberuflern und Unternehmern wird das Thema Altersvorsorge oft vernachlässigt. Sollte man deutschen Arbeitgebern nicht mit mehr staatlicher Förderung oder Steuervergünstigungen wie in den USA unter die Arme greifen?

Barley: Es ist absolut sinnvoll, insbesondere Solo-Selbständige stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Dies ist bereits heute vor allem vor dem Hintergrund der digitalen Arbeitswelt mit neuen Beschäftigungsformen ein drängendes Thema. Darauf müssen wir mit einer Ausweitung der Schutzfunktionen der sozialen Sicherungssysteme reagieren.

Infomagazin Seniorenbedarf: In einem klassischen deutschen Haushalt ist nach wie vor der Ehemann Hauptverdiener. Erziehungszeiten kann sich die Ehefrau für ihre spätere Rente anrechnen lassen. Aber nach den vielen Jahren ohne berufliche Praxis haben es viele Frauen schwer, einen Beruf zu finden, der vergleichbare Privilegien und Einkünfte mit dem des Mannes verspricht. Was natürlich auch Auswirkungen auf die spätere Rente hat. Wie lässt sich das verbessern, Frau Generalsekretärin? Müssen Kinder noch frühzeitiger in Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen? Sollten Mütter gar auf das Stillen verzichten, um schnell wieder im Beruf einzusteigen?

Barley: Die Elternzeit mit Elterngeld und jetzt dem Elterngeld plus bietet Möglichkeiten, das Kind in der wichtigen ersten Lebensmonaten ohne erhebliche finanzielle Einbußen zu betreuen. Richtig ist, dass insbesondere Frauen beim Wiedereinstieg in den Beruf zunächst Teilzeit arbeiten und dann auf dieser Teilzeitstelle hängen bleiben. Deshalb wollen wir noch vor der nächsten Wahl den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit um das Recht ergänzen, auf die vorherige Arbeitszeit zurückzukehren. Und Manuela Schwesig hat aktuell den Vorschlag einer Familienarbeitszeit vorgelegt. Wenn beide Elternteile eine Zeit lang die Arbeitszeit reduzieren und sich die Erziehung des Kindes teilen, sollen sie zusätzlich finanziell unterstützt werden.

Infomagazin Seniorenbedarf: Die sozialdemokratischen, ebenden Wohlfahrtstaatssysteme in den skandinavischen Ländern werden oft mit der liberalen Marktorientierung der USA in den harten Vergleich gestellt. In welche Richtung wird sich Deutschland orientieren, welches von der Wissenschaft mit „meritokratisch und statuskonservierend“ attributiert wird?

Barley: Wir sind mit unserem Modell der sozialen Marktwirtschaft gut gefahren. In den USA ist es immer noch hart umstritten, dass jeder Mensch eine Krankenversicherung bekommt. Das ist aus unserer Sicht absolut unvorstellbar.

Infomagazin Seniorenbedarf: Populisten sind dieser Tage schnell dabei, pauschal dem „Kapitalismus“ die Schuld für ökonomische und soziale Probleme zu geben. „Auch die ärgsten Feinde des Kapitalismus machen irgendwann Geschäfte mit ihm“, kontert Jan Willmroth in der Süddeutschen. Und ZEIT-Autor Armin Nassehi gibt zu bedenken: „Kapitalismuskritik arbeitet stets mit dem Glauben an die staatliche Regulierbarkeit ökonomischer Dynamiken“. Sollte man also aufhören den kapitalistischen Rahmen unseres Systems ständig zu hinterfragen?

Barley: Das ist etwas sehr schwarz-weiß. Der wirtschaftliche Erfolg unseres Landes basiert auf gut ausgebildeten Beschäftigten, guten Produkten und Dienstleistungen sowie auf einer stabilen und friedlichen Gesellschaft. Dies alles kommt nicht von selbst. Unsere Erfolge sind das Ergebnis von klaren und gerechten Spielregeln für die wirtschaftlichen Prozesse und guten Arbeitsbedingungen in der sozialen Marktwirtschaft. Das Modell der sozialen Marktwirtschaft war immer auch deshalb erfolgreich, weil ökonomisch notwendige Flexibilität und Sicherheit für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwei Seiten der gleichen Medaille waren. Dieses Modell hat Risse bekommen. Deshalb wollen wir zentrale Elemente wie die Tarifbindung, die Sozialversicherung und die Mitbestimmung der Arbeitnehmer wieder stärken.

Infomagazin Seniorenbedarf: Frau Generalsekretärin, warum sollte die SPD ab 2017 wieder Teil der Bundesregierung sein?

Barley: Weil es nur mit der SPD wirtschaftlichen Erfolg und soziale Gerechtigkeit gibt.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Barley, haben Sie vielen Dank für das Interview.


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Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Anonymous kommentierte am October 31, 2016 at 9:51 am

    Sehr geehrte Frau Katarina Barley Generalsekretärin der SPD
    Sind Sie eigentlich an der Basis tätig, oder wurde das alles im Büro bei Herrn Gabriel besprochen und verkündet. Wissen Sie um die Altersarmut von Menschen in Deutschland oder interessiert Sie das recht wenig, weil mit Ihren Bezügen kann man bestimmt leben. Es ist traurig wie sich die politisch angehauchte Elite in Deutschland immer mehr absondert und nur noch die Prozentpunkte der Partei wichtig, der Bürger, der Souverän ist unwichtig geworden, es sei denn man “muss” Ihn für Wahlen umwerben
    Ein Bürger der es vorsieht in Zukunft als Nichtwähler durchzugehen bevor er eventuell noch Rechtsradikalen Parteien zum Opfer fällt

  2. Anna kommentierte am August 19, 2016 at 9:30 am

    Spannende bundespolitische Perspektive! Toll, auch hier mal solche Stimmen zu lesen – und nicht nur von den einschlägigen Medienhäusern!

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