„Es wird zunehmend versucht, auch die Potenziale einer alternden Gesellschaft zu sehen“ – Interview mit Elisabeth Scharfenberg, Grünen-Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik

InterviewPflegenotstand, Altersdiskriminierung, landärztliche Unterversorgung. Derzeit mangelt es nicht an brisanten Themen, die einen großen Teil der deutschen Bevölkerung direkt betreffen. Unsere Redaktion hat ein Interview mit Elisabeth Scharfenberg, Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik bei Bündnis 90/Die Grünen, geführt, um „grüne“ Perspektiven und Standpunkte kennenzulernen.

Elisabeth ScharfenbergBündnis90/GrüneZur Person
Als Sprecherin für Altenpolitik und Pflege bei Bündnis 90/Die Grünen ist die Diplom-Sozialpädagogin Elisabeth Scharfenberg prädestiniert für ein Interview zur aktuellen Alten- und Pflegepolitik. Die vierfache Mutter ist Bundestagsabgeordnete aus dem Landkreis Hof in Bayern und zudem Schriftführerin und stellvertretendes Mitglied im Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Scharfenberg, der demografische Wandel schreitet mit jedem Tag stärker voran. Bis 2060 soll jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Sind wir als Gesellschaft dafür bereit?

Scharfenberg: Der demografische Wandel ist eine Tatsache, wie er sich auswirken wird, hängt von vielen Faktoren ab. Bevölkerungsprognosen aus früheren Jahren wurden immer wieder korrigiert. Das hängt u.a. mit der Zuwanderung zusammen, oder damit, dass die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge Kinder bekommen und mit vielem anderen mehr.

Wie sich die Alterung der Gesellschaft etwa auf die sozialen Sicherungssysteme auswirkt, ist davon abhängig, wie viele Menschen erwerbstätig sind und wie lange sie erwerbstätig sind. Wie gesund, krank oder pflegebedürftig die Menschen sind, und in welchem Alter sie pflegebedürftig werden.

Es existiert ein gesellschaftliches und politisches Bewusstsein über den demografischen Wandel, das war lange Zeit nicht der Fall. Es wird zunehmend versucht, auch die Potenziale einer alternden Gesellschaft zu sehen. Auf die sozialen Sicherungssysteme werden höhere Kosten zukommen. Doch das kann unsere Gesellschaft sich leisten, wenn sie zugleich in andere Maßnahmen zur Abmilderung der Folgen der Alterung investiert: Zuwanderung und Integration, Möglichkeiten für Menschen jeden Alters, möglichst selbstbestimmt zu bleiben und sich beruflich oder ehrenamtlich einzubringen, z.B. durch lebensweltliche Prävention zur Gesundheitsförderung, alters- und alternsgerechtes Arbeitsbedingungen, barrierefreie Wohnungen und eine barrierefreie Infrastruktur.

Infomagazin Seniorenbedarf: Wären Kampagnen zur Erhöhung der niedrigen Geburtenrate nicht die offensichtlichste Lösung, dem demografischen Wandel zu begegnen und somit beispielsweise das umlagefinanzierte Rentensystem aufrechtzuerhalten? Warum tun sich die Deutschen heutzutage so schwer damit, Kinder bekommen?

Scharfenberg: Wir sollten keine Bevölkerungspolitik machen, erst recht nicht in Kampagnenform. Ob Menschen sich für Kinder entscheiden oder nicht, ist Privatsache. Aber es sollte den Menschen leicht gemacht werden, Familie und Beruf zu vereinbaren. Die Elternzeit war ein guter erster Schritt. Man könnte sie flexibler gestalten, so dass auch Auszeiten für ältere Kinder genommen werden können oder dass beide Eltern über längere Zeit gleichzeitig Teilzeit arbeiten und der Verdienstausfall durch die Elternzeit abgefedert wird.

Infomagazin Seniorenbedarf: Viele Experten warnen vor dem Pflegenotstand. Was lässt sich tun, um mehr Stellen zu schaffen, die auch besetzt werden? Wie lässt sich der Pflegeberuf populärer machen?

Scharfenberg: Die Arbeitsbedingungen müssen sich massiv verbessern. Darum brauchen wir in Heimen und Krankenhäusern ein verbindliches Personalbemessungsinstrument, das klar anzeigt wie viel Personal wie viele Personen umsorgen soll und kann. Das muss kontrolliert und gegebenenfalls sanktioniert werden. Damit Pflegekräfte länger im Beruf bleiben, muss die betriebliche Gesundheitsförderung sich stark verbessern. Und wie für alle Berufe muss es möglich sein, das Privatleben mit dem Beruf zu vereinbaren.

Die laufende Pflegeausbildungsreform, bei der die bisherigen Ausbildungen von Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zu einem Ausbildungsberuf zusammengefasst werden, halte ich für falsch. Ich befürchte dabei den Verlust von Fachwissen und den Abbau von Ausbildungsplätzen. Das wird den Fachkräftemangel noch verstärken. Die Zukunft der Pflege liegt in der Spezialisierung und mehr Kooperation zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen. Deshalb fordern wir eine integrierte Pflegeausbildung, bei der gemeinsame Inhalte gemeinsam gelehrt werden, aber bereits in der Ausbildung die Spezialisierung erfolgt. Die Ausbildung muss kostenfrei sein, und es muss möglich sein, von der PflegehelferIn bis zur Promotion zu gelangen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Bis 2021 geht fast die Hälfte der derzeitigen Hausärzte in den Ruhestand. Den Ärztenachwuchs zieht es eher in die Stadt. Wie begegnet man dem Problem der landärztlichen Unterversorgung?

Scharfenberg: Die ärztliche Bedarfsplanung muss – auf neutraler, wissenschaftlicher Grundlage – grundlegend überarbeitet werden, damit zukünftig der reale Versorgungsbedarf in den Regionen besser abgebildet wird. Um eine Konzentration von Versorgungsangeboten beispielsweise auf städtische Ballungszentren und Auszehrung von Randregionen zu vermeiden, muss der Gesetzgeber ggf. Vorgaben für eine kleinräumigere Bedarfsplanung machen.

Zudem sollte endlich die gesundheitliche Versorgung sektorübergreifend geplant und erbracht werden. In kommunalen Gesundheitszentren könnten Gesundheitsförderung und Gesundheitsversorgung unter einem Dach angeboten werden. Hausärzte, Fachärzte, Physiotherapeuten und weitere Gesundheitsberufe arbeiten dort Hand in Hand, qualifizierte Pflegekräfte übernehmen das Fallmanagement. Auch Pflegedienste, Pflegestützpunkte und Reha-Einrichtungen könnten dort angedockt werden. Bestimmte, bisher den Ärzten vorbehaltene Tätigkeiten, könnten auch durch qualifizierte Pflegekräfte ausgeübt werden.

Infomagazin Seniorenbedarf: Nicht nur die Künstlerin Isabella Rossellini klagt über Altersdiskriminierung. Geringschätzung und Ausgrenzung aufgrund eines hohen Lebensalters stellt für viele Deutsche ein Problem dar. Gibt es Ansätze mit diesem Problem umzugehen?

Scharfenberg: Zunächst sollten alle formalen Altersdiskriminierungen abgeschafft werden. In der Sozialgesetzgebung, in der Versicherungswirtschaft, im bürgerschaftlichen Engagement existieren starre Vorgaben, die sich rein am Lebensalter festmachen. Wozu soll das gut sein? Wir wollen alle Altersgrenzen überprüfen und jegliche Diskriminierung abschaffen.

Wenn alle Menschen den gleichen Anspruch auf Teilhabe haben, statt von vornherein auf Grund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihres Alters in bestimmte Kategorien eingeordnet zu werden, dann fallen viele Diskriminierungen, die wir heute für kaum ausräumbar halten, einfach weg.

Ein einfaches Mittel, um den Blickwinkel zu verändern, ist z.B. die anonymisierte Bewerbung. Sobald der Personaler keinen Namen, kein Geburtsdatum und kein Foto mehr sieht, ist er gezwungen, sich auf die Qualifikation zu konzentrieren. Mag er vorher gedacht haben, eine Frau, ein Bayer oder ein 63-jähriger passen nicht in das Unternehmen, so erkennt er nun möglicherweise Potentiale, die ihm vorher aufgrund seiner eigenen Voreingenommenheit entgangen wären.

Nicht alles wäre so einfach umzusetzen, dennoch brauchen wir stetige Anstrengungen, um Teilhabemöglichkeiten auch für Ältere und Alte zu schaffen, die barrierefreie Umgebung habe ich bereits genannt. Und nicht zuletzt brauchen wir eine Debatte über Altersbilder jeden Alters, um endlich von den Bildern, die weitgehend unser Denken und Handeln prägen, wegzukommen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Die Welt dreht sich gefühlt immer schneller. Nach dem Moor‘schen Gesetz entwickeln sich speziell digitale Technologien exponentiell weiter. Wie gelingt es uns da, die älteren Mitglieder der Gesellschaft nicht irgendwann zu verlieren? Allein die „Smartphonisierung des Alltags“ überfordert viele Seniorinnen und Senioren doch zunehmend, oder?

Scharfenberg: So unterschiedlich wie die Alten sind, so vielfältig ist auch ihr Umgang mit digitalen Technologien. Die einen machen begeistert jeden neuen Trend mit, während andere sich tatsächlich schwer tun und wieder andere interessieren sich gar nicht dafür. Das ist allerdings auch bei Jüngeren der Fall, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt.

Sicher sollte es Angebote und Kurse für diejenigen Alten geben, die den Umgang mit neuen Technologien lernen wollen, die sich mit ihren weit entfernt lebenden Enkeln über Facebook austauschen wollen, und Modelle, die für Menschen mit Einschränkungen, etwa beim Sehen oder beim Tasten, einfacher zu bedienen sind.

Zudem ist zu beobachten, dass die Technik zwar fortschreitet, zugleich aber einfacher und intuitiver zu bedienen wird. In den 80er Jahren musste man noch eine Programmiersprache beherrschen, um einen Computer zu benutzen. Heute wischt man mit den Fingern über die Oberfläche.

Ansonsten sollte sich aber niemand verrückt machen. Man kann auch ohne Smartphone leben, mit dem Festnetztelefon telefonieren statt What’s-App-Nachrichten zu schicken, klassisch fernsehen statt Sendungen zu streamen oder Bücher statt E-Books lesen.

Ein anderes Thema ist die Unterstützung des selbständigen Lebens, auch im Alter und mit Einschränkungen, durch die Digitalisierung. Also alles, was unter dem Stichwort Ambient Assisted Living läuft. Hier liegt viel Potential für unsere alternde Gesellschaft, und hier sollte die Entwicklung sich darauf konzentrieren, die Technologien so zu gestalten, dass sie einfach zu bedienen und damit für alle Menschen nutzbar sind.

Infomagazin Seniorenbedarf: Warum sollte Ihre Partei ab 2017 angesichts Ihrer Prämissen im Bereich der Alten- und Pflegepolitik wieder Teil der Bundesregierung sein?

Scharfenberg: Weil wir schon lange Akzente in der Alten- und Pflegepolitik setzen und einfach die besseren Konzepte haben: Von der integrierten Pflegeausbildung und der Forderung nach bundesweit verbindlichen Personalbemessungsinstrumenten über die Unterstützung pflegender Angehöriger bis hin zu einem Konzept zur Pflege im Quartier und zu individuellen, ambulanten Lösungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Auch ein nachhaltiges Finanzierungskonzept haben wir mit der Pflege-Bürgerversicherung vorgelegt.

In der Altenpolitik setzen wir auf selbstbestimmtes Leben, Teilhabe und differenzierte Altersbilder – denn das Alter ist mindestens so vielfältig wie die Jugend. Einige unserer grünen Ideen konnten Sie in diesem Interview lesen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrte Frau Scharfenberg, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Bildquelle des Portraitbildes: Foto-AG Gymnasium Melle

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Die Kommentare und Meinungen unserer Leser (Leserbriefe)

  1. Anonymous kommentierte am 8. Januar 2017 at 10:32

    Sehr geehrte Frau Scarfenberg,
    Ihr Interview in Welt.de ist eigentlich typisch.
    Wenn Ihnen nichts besseres einfällt als solchen Mist zu „verzapfen “ , geben Sie am besten Ihr Mandat zurück.
    Dass die Allgemeinheit für solch dummes Zeug noch Geld bezahlt ist nicht zu akzeptieren.

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