Weshalb Frauen im deutschen Rentensystem benachteiligt sind

Benachteiligung Frauen RentensystemKristina Vaillant hat ein Buch über die Benachteiligung der Frauen im deutschen Rentensystem geschrieben. Anhaltender Niedriglohnsektor, fehlende Kinderbetreuung, wirkungslose Reformen: Für unser Magazin hat sie die Kernprobleme in einem Gastbeitrag auf den Punkt gebracht.

Jeder vierte Arbeitsnehmer verdient weniger als 10 Euro

Mehr als zwanzig Prozent weniger Lohn als Männer, Teilzeitarbeit, Minijobs – Frauen sind am Arbeitsmarkt in Deutschland noch immer weniger „erfolgreich“ als Männer. Wobei „weniger erfolgreich“ vieles heißen kann: eine junge Ingenieurin findet keine 30-Stundenstelle, die ihrer Qualifikation entspricht und sich mit der Sorge für die Kinder oder für die alten Eltern verträgt. Dann bleibt oft nur ein Minijob oder Mini-Teilzeit. Außerdem stehen Berufe wie Krankenschwester oder Altenpflegerin, die lange als typische Frauenberufe galten und in denen heute noch immer vorwiegend Frauen arbeiten, nach wie vor am unteren Ende der Einkommensskala. In Deutschland wird an fast jedem vierten Arbeitsplatz weniger als 10 Euro pro Stunde verdient, jeder fünfte ist ein Minijob. Das ist die Realität – trotz des viel beschworenen Booms am Arbeitsmarkt.

Existenzrisiko Niedriglohn

Wenn Menschen trotz Arbeit so wenig verdienen, dass es nur für das Allernötigste reicht, ist das an sich schon ein Problem, im Alter können solche Einkommen zum Existenzrisiko werden. Denn am Ende des Arbeitslebens wird knallhart abgerechnet: Nur das, was in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt wurde, wird in Rentenpunkte umgerechnet. Ein Durchschnittsverdiener mit ca. 17 Euro pro Stundenlohn (3.000 Euro brutto monatlich) bekommt pro Jahr für seine Rentenbeiträge einen Entgeltpunkt auf dem Rentenkonto gutgeschrieben. Ein Entgeltpunkt entspricht heute etwa 30 Euro Rente monatlich. Wer 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, erhält am Ende des Arbeitslebens 1.300 Euro abzüglich der Beiträge zur Sozialversicherung und Steuern. Das ist die „Standardrente“ – wie sie im Rentendeutsch heißt. Wer auf weniger Erwerbsjahre kommt, wer einen niedrigeren Stundenlohn hatte oder Teilzeit gearbeitet hat, muss mit hohen Abzügen rechnen. Das sind in Deutschland meistens Frauen.

Größte Rentenlücke in ganz Europa

Mit dem Leben des „Standardrentners“ hat ein Frauenleben in Deutschland nur wenig zu tun. Fast die Hälfte aller Frauen arbeitet in Teilzeit. Sie reduzieren die Arbeitszeit wegen der Kinder oder weil sie Angehörige pflegen, manche steigen für eine gewisse Zeit ganz aus. Eine zuverlässige Ganztagsbetreuung für kleine Kinder oder für Schulkinder gab es lange nur in den neuen Bundesländern. Wegen ihrer niedrigen Einkommen bekommen heutige Rentnerinnen im Durchschnitt nur halb so viel Rente wie Männer. Eine Rentenlücke von 50 Prozent. So groß ist der Unterschied nirgends in Europa. Auch unter den Industriestaaten weltweit gibt es das kein zweites Mal.

Im gesetzlichen Rentensystem bietet allein Erwerbsarbeit die Möglichkeit, Rentenansprüche zu erwirtschaften. Allerdings ist diese bezahlte Arbeit nur in begrenztem Maße vorhanden. Rechnet man alle in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden zusammen, kommt man auf ein Volumen, das kaum über dem Niveau der neunziger Jahre liegt. Nur: In der Zwischenzeit hat sich die Zahl der Erwerbstätigen enorm erhöht, weil immer mehr Frauen und vor allem Frauen mit Kindern berufstätig sind. Über 70 Prozent der Frauen in Deutschland sind mittlerweile erwerbstätig, ein Spitzenwert in Europa. Mit anderen Worten: Einen etwa gleichbleibend großen Kuchen an Arbeitsstunden teilen sich immer mehr Menschen.

Unbezahlte Arbeit gibt es dagegen im Überfluss: ob es ums Einkaufen, das Saubermachen, die Sorge für Kinder oder die Pflege von alten und kranken Menschen geht. Frauen erledigen statistisch gesehen etwa doppelt so viel Hausarbeit wie Männer. Der Haken: Sie ist nicht nur unbezahlt, diese Arbeit wird auch nur in Ausnahmefällen in der Rentenversicherung honoriert.

Die Anrechnung von Kindererziehungszeiten ist so eine Ausnahme. 1986 boxte Familienministerin Rita Süssmuth die Mütterrente gegen den Widerstand ihrer Ministerkollegen durch. Heute bekommen Frauen (oder Männer, wenn sie wegen der Kinder zu Hause geblieben oder Teilzeit gearbeitet haben) pro Kind drei Rentenpunkte angerechnet – das Äquivalent von drei Jahren Erwerbsarbeit zu einem Durchschnittsverdienst.

Aktuell sieben Kinder zur Gleichberechtigung nötig

Für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, gibt es seit der letzten Rentenreform nur zwei Entgeltpunkte. Das ist nicht schlecht. Aber diese Entgeltpunkte für Kindererziehung machen noch lange keine Rente. Deshalb ist auch das Wort „Mütterrente“ irreführend. Eine Rentenexpertin hat einmal ausgerechnet, dass – statistisch betrachtet – eine Frau der Babyboomer-Generation im Westen Deutschlands allein sieben Kinder bekommen müsste, nur um die Lücke zwischen ihrer Rente und der der gleichaltrigen Männer zu schließen.

Seit einigen Jahren können auch pflegende Angehörige, die bei der gesetzlichen Rentenversicherung gemeldet sind, Rentenpunkte erwirtschaften. Die Pflegeversicherung zahlt dafür Beiträge, die 80 Prozent des Durchschnittseinkommens entsprechen. Also 0,8 Entgeltpunkte pro Jahr, das ist weniger als für die Kindererziehung. Diese Ausnahmen kompensieren jedoch lange nicht die Einkommens-Einbußen, die Frauen haben, wenn sie beruflich zurückstecken, und sei es nur zeitweise, um sich um andere kümmern.

Es gibt also viel zu tun, um endlich auch Frauen eine Absicherung im Alter zu verschaffen. Und damit meine ich eine Rente, keine Sozialhilfe wie die Grundsicherung, die immer mehr alte Menschen wegen ihrer kleinen Rente gezwungen sind zu beantragen.

Keine der Parteien, die in den letzten Jahrzenten in Regierungsverantwortung waren, hat sich bisher ernsthaft dafür interessiert. Die CDU leugnet sogar nach wie vor Handlungsbedarf. Dabei geht es bei den zukünftigen Rentnern längst nicht mehr nur um Frauen: es geht um alle, Frauen und Männer, Ältere und Jüngere, deren Leben nicht so verläuft wie das des fiktiven „Standardrentners“.

Über die Autorin

Kristina VaillantFrauen im RentensystemKristina Vaillant, geboren 1964, studierte Publizistik und Kunstgeschichte. Von 1999 bis 2005 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Bundestag. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Dozentin in Berlin, schreibt über Themen aus Wissenschaft und Forschung und ist Expertin für sozialpolitische Fragen. 2010 erschien ihr Reportageband „Ideen täglich. Wissenschaft in Berlin“, 2014 veröffentlichte sie gemeinsam mit Christina Bylow das Generationenportrait „Die verratene Generation. Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten“. 2016 folgte der Band „Die verratenen Mütter. Wie die Rentenpolitik Frauen in die Armut treibt“.

Bildquelle: blende40 – Fotolia


1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
3,83 von 5 Punkten, basierend auf 6 abgegebenen Stimmen.


Bewerten Sie diesen Artikel - Hinterlassen Sie gerne auch ein Kommentar!
Loading...


Stiftung Warentest Hinweis

Kommentar schreiben

(auch anonym möglich)

Hier haben Sie die Möglichkeit den Beitrag (wenn Sie mögen anonym) zu kommentieren und Ihre Erfahrungen und Meinungen zu schildern. Wir freuen uns über jeden Kommentar!