„Das Wegdelegieren von eigener Verantwortung muss aufhören, wenn unser Gemeinwohl auf dem gegenwärtigen Niveau beibehalten werden soll“ – Interview mit Dr. David Hober vom deutschen Internetportal der katholischen Kirche

Interview

Anhaltende Armut, wachsende Fremdenfeindlichkeit, um sich greifende Globalisierung: Die aktuellen Herausforderungen halten das Land in Atem. Ist der Glaube eine Antwort auf aktuelle Probleme? Wir haben mit Dr. David Hober vom Internetportal katholisch.de über gesellschaftliche Verantwortung, das Credo von Papst Franziskus und die Beschleunigung des Lebens gesprochen.

Zur Person:
David Hoberkatholisch.deHerr Dr. David Hober ist Geschäftsführer der APG Allgemeine gemeinnützige Programmgesellschaft mbH in Bonn, die das Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland „katholisch.de“ betreibt. Zudem ist er Mitglied der Geschäftsführung des Katholischen Medienhauses der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrter Herr Dr. Hober, Sie vertreten mit dem Internetportal katholisch.de die katholische Kirche in Deutschland. Wie steht es aktuell um das Thema Religion in der Bundesrepublik?

Dr. David Hober Das Thema Religion ist virulent wie nie zuvor. Interessant dabei ist, dass viele Religionssoziologen noch vor zwanzig Jahren ein völliges Verschwinden der Religion prognostizierten und jetzt erleben wir genau das Gegenteil, allerdings vor dem Hintergrund einer schwierigen Ausgangslage: Einerseits nehmen wir eine rasante Säkularisierung in der Gesellschaft wahr, die vieles an religiöser Kultur und Wissen nahezu verdunsten lässt. Anderseits kann man von einer Rückkehr des Religiösen im Säkularen diesseits und jenseits der etablierten Kirchen und Konfessionen sprechen. Dabei gerät die Frage nach Gott in unserer Gesellschaft mehr denn je in den individuellen Entscheidungsraum von persönlicher Einsicht und Zustimmung.

Dann beobachten wir, wie weltweit religiöse Akteure um Aufmerksamkeit kämpfen und dabei symbolstark öffentliche Räume besetzen. Wir diskutieren über Gottesbilder und deren pervertierte Inanspruchnahme und ebenso diskutieren wir über die Bedeutung von Religion im gesellschaftlichen Kontext, ihren Wirklichkeitsbezug für die Identität der Menschen und als Konstante für das persönliche Glaubensleben. Das sind in dieser Hinsicht schon sehr spannende Zeiten, in denen man sich ein Aufwachen der Theologie wünschen würde.

Infomagazin Seniorenbedarf: Seit 2012 steigt die Zahl der Kirchenaustritte wieder. Eine beunruhigende Entwicklung?

Dr. David Hober Wenn Menschen, aus welchen Gründen auch immer, die Kirche verlassen, kann das nie eine beruhigende Entwicklung sein. Es nutzt da auch nichts zahlenkosmetisch zu argumentieren. Die Austrittszahlen liegen jedes Jahr immer noch im hohen sechsstelligen Bereich. Das ist für die Kirchen in Deutschland dramatisch, weniger weil hier möglicherweise Kirchensteuerzahler wegbrechen, sondern weil die Kirche sich fragen lassen muss, ob sie denn nach wie vor religiös Gestimmten in unserem Land ein ausreichendes Angebot macht, das verfängt, und Religion und Kirche nicht mit dem Gefühl von Begrenzung belegt. Zugegebenermaßen eine sehr anspruchsvolle pastorale Herausforderung in der sogenannten Spätmoderne.

Infomagazin Seniorenbedarf: Es heißt Papst Franziskus habe sich nach Franz von Assisi benannt, weil der Kardinal Cláudio Hummes ihn nach seiner Wahl gebeten habe: „Vergiss die Armen nicht!“ Franziskus sei für ihn der Mann der Armut, des Friedens, der die Schöpfung liebe und bewahre. Anzustreben sei eine „arme Kirche für die Armen“, ihre materielle Zurückhaltung und mehr Hilfe für Bedürftige. Das Verhältnis der Menschen zur Schöpfung sei „nicht sehr gut“. Ein Weckruf?

Dr. David Hober Das gesamte bisherige Pontifikat von Papst Franziskus kann man als Weckruf für die Kirche nach innen wie nach außen interpretieren. Dieser Papst lebt das vor, was er predigt: Veränderung, so sein Credo, sei es in der Kirche oder dann in der Gesellschaft, fängt immer bei uns selbst an. Und dann zeigt er uns, dass das mit Demut zu tun hat in der Hinwendung zu den Ausgrenzten. Er erinnert uns an die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen in Bezug auf die Flüchtlinge und erinnert an die unverbrüchliche Hoffnung in den geglaubten Gott der Christen als Wegbegleiter durch das Leben. Wir sprechen ja immer so gerne von Authentizität als erwünschte Profilanforderung für Führungspersönlichkeiten. Ich glaube, der Papst gibt uns allen durch sein Lebenszeugnis hier eine Lehrstunde.

Infomagazin Seniorenbedarf: Im nahenden Bundestagswahlkampf scheint es wieder verstärkt um „soziale Gerechtigkeit“ zu gehen. Die Kirchen sind seit jeher sehr engagiert in diesem Sektor. Steht Deutschland insofern gut dar, oder gibt es noch viel zu tun?

Dr. David Hober Unser Umgang mit dem Thema soziale Gerechtigkeit wird darüber entscheiden, ob in unserer Gesellschaft und in anderen Staaten ein einigermaßen friedvolles Leben möglich bleiben wird. Nimmt man beispielsweise den fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zur Hand, in den die Expertise der Kirche und der Caritas eingeflossen ist, liegt die Armutsquote in Deutschland seit 2005 relativ stabil zwischen 14 und 16 Prozent. Damit kann man sich nicht zufrieden geben.

Wir wissen, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, sich kaum aus ihrer Lage befreien können. Schlechte Bildung, geringe Berufsperspektiven, geringes Einkommen und ein höheres Gesundheitsrisiko erschweren die Auswege aus der Armutslage. Die Kirche hat immer wieder auf diese Zusammenhänge hingewiesen und sieht in der Armutsbekämpfung weiterhin eine wichtige Frage der Politik. Wichtig erscheint dabei dem Phänomen der verdeckten Armut und heute schon absehbarer Armutsgefährdungen beispielsweise in Bezug auf die Auswirkungen steigender Pflegebedürftigkeit älterer Menschen nachzugehen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Nicht zuletzt durch die Aufnahme vieler Geflüchteter aus dem Nahen Osten flammt das Thema Integration wieder auf. Gewisse Parteien beziehen hier eine sehr deutliche Stellung, so auch die Christlich Soziale Union (CSU). Wie gehen Sie als Verleger von katholisch.de mit dieser Debatte um?

Dr. David Hober Wir lassen diese Stimmen zu Wort kommen und geben Gelegenheit auf unseren Social Media – Kanälen darüber zu diskutieren. Dabei machen wir aber auch unsere Haltung deutlich, und zeigen auf, wo wir als Christen Grenzen ziehen. Die Bischöfe haben im Frühjahr bei Ihrer Vollversammlung sehr deutlich darauf hingewiesen, das mit einer christlichen Perspektive ein politisches Agieren nicht vereinbar ist, das vom Schüren von Fremdenfeindlichkeit, von Ängsten gegen Überfremdung, von einseitiger Betonung nationaler Interessen, Religionsfreiheit unter dem Vorbehalt staatlicher Kontrolle oder der grundsätzlichen Infragestellung der repräsentativen Demokratie, lebt. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Wir leben in aufregenden Zeiten. Technisierung, Digitalisierung, Globalisierung. Vielen Menschen geht das zu schnell. Ist der Glaube eine mögliche Antwort auf diese Beschleunigung des Lebens?

Dr. David Hober Der Glaube ist ja zunächst einmal eine Antwort auf die geschenkte Zusage Gottes an die Menschen und beansprucht diesen mit Herz und Verstand. Nur so kann sich der Glaubende auf Gott einlassen und Mensch und Gott können eine personale Beziehung eingehen. Das braucht Zeit. Das braucht Kontemplation. In dem Maße, wie es gelingt, dass der Glaube unser Leben prägt und umgekehrt das Leben unseren Glauben, wird sich unwillkürlich eine Entschleunigung des Leben einstellen. Sei es beim Gottesdienst, beim Gebet oder in der Zuwendung zum Anderen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Herr Dr. Hober, was muss sich in Deutschland unbedingt ändern?

Dr. David Hober Ich nehme in Bezug auf unseren Staat, unsere gesellschaftlichen Institutionen und in Bezug auf die jeweils eigene Person ein enormes Anspruchsdenken wahr. Das fängt an, wenn der Bus mal nicht auf die Minute pünktlich ist, die Müllabfuhr Mittwochs statt Dienstags kommt oder man der Meinung ist, ohne sich selbst einzubringen, müsse dies oder jenes wie von selbst geregelt werden. Interessant dabei ist, dass das schon umgangssprachlich zum Ausdruck kommt: „DIE sollen mal machen“ oder „Was machen DIE da eigentlich?“ Ich frage mich dann immer, wer Die da sein sollen. DIE: Das sind doch wir alle. Diese Distanzierung, dieses Wegdelegieren von eigener Verantwortung muss aufhören, wenn unser Gemeinwohl auf dem gegenwärtig beachtlichen Niveau auch in Zukunft beibehalten werden soll.

Infomagazin Seniorenbedarf: Können Sie unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Dr. David Hober Ja, vielleicht ein Zitat des bekannten tschechischen Theologieprofessors Thomas Halik, das, wie ich meine, in wunderbarer Art die Frage nach Gott in unserem Leben ins Wort bringt:

Glaube, Hoffnung und Liebe sind drei Aspekte unserer Geduld mit Gott; sie sind drei Möglichkeiten mit der Erfahrung der Verborgenheit Gottes umzugehen: Sie stellen ein wahrlich langes Unterwegssein dar und manchmal müssen wir recht tief in den Abgrund, in das Tal der Schatten hinabsteigen, um den Pfad wiederzufinden. Würde er nicht hierdurch führen, wäre es kein Weg zu Gott – Gott wohnt nicht an der Oberfläche

.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sehr geehrter Herr Dr. Hober, wir danken Ihnen vielmals für dieses Interview!


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