Interview mit Manfred Stock: “Es ist doch schon schlimm, wenn manch einer nicht mal mehr “Zentrum” schreiben kann, weil es am Warenhaus mit “C” steht

Interview

Unsere Interviewreihe “In der Nische” beleuchtet regelmäßig einzelne Branchen und Themenbereiche, die es noch nicht in die breite Öffentlichkeit geschafft haben. Dabei kommen meist inhaltlich spannende Reaktionen vom Gesprächspartner zur Geltung und man lernt viel dazu. Heute hatten wir die Möglichkeit, mit Manfred Stock über seine Berufung als Lyriker und ambitionierten Rätselbastler zu sprechen.

Zur Person:
Manfred Stock ist ein deutscher Entertainer, Schauspieler, Kabarettist und Erfinder von Rätseln. Er erstellte unzählige Rätseln für verschiedene Zeitschriften, u. a. “JuxLyrik” und die “Deutsche Rätselkunde – die Geschichte des Rätsels” (erhältlich u. a. im epubli/shop, ISBN 978-3-95645-876-7) und ist Weltrekordhalter im Guinnessbuch der Rekorde 2000 für ein Silbenrätsel mit 22 Wörtern und fünf Sprichwörtern als Lösungssenkrechte.

Infomagazin Seniorenbedarf: Lieber Herr Stock, Sie haben vor Kurzem Ihr Werk “JuxLyrik” veröffentlicht. Leben wir in einer rational-utilitaristischen Pragmatismus-Welt, der es an Seele fehlt und die dringend Lyrik braucht?

Manfred Stock: Ich muss gestehen, Lyrik ist für mich zweierlei. Die ätherischen Gefühle, reimlos, versponnen auf der einen Seite und im Gegensatz dazu meine lustige Lyrik, heiter, in Versen, teils deftig. Gern mit Pointe. Eben zum Schmunzeln. Ich denke, unsere Welt braucht beides. Die ältere Generation davon vielleicht mehr meine Juxgedichte, denn nicht jede Oma fährt lieber Skateboard.

Infomagazin Seniorenbedarf: Und wie kommt die Tinte aufs Papier bei Ihnen? Wovon lassen Sie sich inspirieren? Christinan Friedrich Hebbel hat gesagt: “Humor ist Erkenntnis der Anomalien”. Finden Sie davon täglich welche?

Manfred Stock: Mich kann das Unterschiedlichste zu meinen Anekdoten inspirieren. Es muss eine Pointe haben und mich begeistern. Ursprung kann eine Zeitungsnotiz sein (man bezeichnete mich neulich als ENTEtainer, statt Entertainer), inspirierend können Bücher sein, Gespräche und und und – nicht zuletzt meine Leser, die mir schreiben. Heikel sind immer die Anekdoten von Zeitgenossen, weil man sich erst rechtlich absichern muss. Gestern fand ich eine Notiz über das New Yorker Hotdog-Wettessen. Daraus kann ich eine Rätselanekdote bauen.

Infomagazin Seniorenbedarf: Viele träumen von einem Leben als Autor, aber kann man davon wirklich leben?

Manfred Stock: Ich nicht. Vielleicht die Amerikaner mit den hohen Auflagen. Die Buchhandlungen werden doch damit genauso überfüttert wie die Fernsehsender mit USA-Produktionen. Für mich sind meine 7 Bücher Hobby, und mit Lust und Liebe geschrieben. Schließlich war ich in meinem Leben nicht nur Autor, sondern auch schon Priester und Soldat, Schmied und Zahnarzt, Clown und Butler, Engel und Gespenst. Und zwar als Bühnensolist in Theaterstücken. Oder was dachten Sie?

Infomagazin Seniorenbedarf: Man könnte ja denken mit dem Internet, Google, Amazon und der “Revolution der Nische” gibt es für Autoren heutzutage spannende Möglichkeiten Ihre Kunst für den Broterwerb zu verdingen? Oder ist das Verlagssterben tatsächlich eher ein Indiz dafür, dass das Schreiben in Zukunft nichts mehr mit einem „Beruf“ zu tun hat?

Manfred Stock: Hier ists schwer, jetzt etwas Grundsätzliches zu behaupten. Aber ich denke, sowohl E-Book als auch Print werden weiter existieren. Dennoch ist vieles im Umbruch.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sie erfinden seit über 20 Jahren Rätsel für verschiedene Zeitschriften. Hat sich der Inhalt in den Jahren viel verändert oder ist das Rätsel von heute nahezu deckungsgleich mit damals?

Manfred Stock: Ein wirklich guter Autor lässt auch aktuelle Begriffe einfließen. Außerdem hat es eine Rechtschreibreform gegeben. Ich halte mich an den Duden. Es ist doch schon schlimm, wenn Kinder und Einwanderer nicht mal mehr “Zentrum” schreiben können, weil es am Warenhaus mit C steht. Ich habe jedenfalls in meinem Buch “Deutsche Rätselkunde” mal Inventur gemacht und alle Rätselarten aufgelistet und ihre Entstehung lustig erklärt, von den Pyramiden bis zum Sudoku, denn die letzte Geschichte des Rätsels erschien 1860, und damals lebten Sie vielleicht noch gar nicht, oder?

Infomagazin Seniorenbedarf: Zugegeben, dazwischen lagen einige Wiedergeburten. Doch nochmal zum “linguistischen Wandel”: Wenn der Nachwuchs eher auf “Denglisch” setzt, müssten Sie doch nachziehen? Und das “smarte quiz 4 hipsters” kreieren…

Manfred Stock: Ich werde Ihnen ein Rätsel bauen, wo sowohl Begriffe für Ältere wie auch für Jüngere gefragt sind.

Infomagazin Seniorenbedarf: Sind Senioren Ihre “Zielgruppe” während die “jungen Leute” alle auf ihren Smartphones daddeln und Kreuzworträtsel “uncool” finden?

Manfred Stock: Es gibt nicht nur Kreuzwort- und Schwedenrätsel. Es gibt schon Rätsel im Alltag. Auch Jugendliche werden damit konfrontiert, denn wenn sie nicht mehr erraten können, was die Piktogramme (Bilderrätsel) bedeuten, würden sie im Warenhaus den Fahrstuhl mit der Toilette verwechseln.

Im Alltag gibt es auch für junge Leute genug Rätsel. Welche Sportmannschaft gewinnt?

Oder politisch gesehen? Mir ist zum Beispiel völlig rätselhaft, warum man die Mauer, die Deutschland so lange trennte und wo unzählige Menschen getötet wurden, wieso man diese Mauer jetzt mit bunten Bilderchen bemalt, so dass die Touristen sagen: “Ach wie hübsch, schade dass es die Mauer nicht mehr gibt.”

Und Senioren? Wenn sie fit bleiben wollen, müssen Sie meine Bücher lesen, lachen und, ihre grauen Zellen trainieren. Warum sollten Senioren nicht geistig fit bleiben und mit meinen Büchern der Demenz entgegenwirken? Statt zu einer Zigarette sollte man lieber zu einem meiner Anekdotenrätsel greifen, das eine verkürzt, das andere verlängert das Leben. Das muss nun jeder selbst entscheiden. Außerdem sind meine Bücher sehr praktisch, da alles kurze, heitere Geschichtchen sind, ideal für Wartezimmer, Zug, S-Bahn, und Geschenk für jedermann, denn meine Helden sind die unterschiedlichsten Leute, also interessant für alt und jung: Mozart, Zille, Cyber-Räuber, Fußballspieler, Sissi, Hexen usw. usw., sogar Monster (Ähnlichkeiten mit den Lesern sind rein zufällig).

Infomagazin Seniorenbedarf: Ihr ganzes bisheriges Leben war von kulturellem Schaffen geprägt. Sie sind vom Fach. Wie steht es in Ihren Augen heute um die Kultur in Deutschland?

Manfred Stock: Ein Beispiel: Warum geizt man so mit Operettenaufführungen? Die mehr als vielgefragten Aufführungen in dder Komischen Oper Berlin beweisen doch, dass man dieses Genre nicht in den Gulli werfen sollte.

Ich glaube auch nicht, dass man z.B. Klassiker modernisieren muss. Sooooo blöde sind nun die Zuschauer auch nicht, dass sie nichts assoziieren könnten. Ich muss Wagners Lohengrin nicht statt auf einem Schwan zu fahren einen Rollator schieben lassen oder ihn in einem Einkaufswagen von Aldi befördern.

Und jetzt könnte ich ganz unverfroren sein und Ihnen antworten: Ich hoffe, dass sowohl mein JuxLyrik-Buch als auch meine Anekdotenbücher die Kultur bereichern und Ihre Leser animieren. Stürzen Sie sich bitte drauf! Auf meine Bücher, nicht auf Ihre Leser.


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