Mit 66 Jahren… da hört das Leben auf – Gastbeitrag eines Lesers

Gastbeitrag Rente

In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir Gastbeiträge und andere Erzeugnisse von Lesern und Betroffenen. Der heutige Beitrag behandelt die letzte Rentenerhöhung.

Zunächst hatte uns folgende E-Mail erreicht:

Die Rentenerhöhung dieses Jahr hatte mir € 19.- versprochen.

Meine Gesamteinkünfte zuvor waren:
Im Juni:
Rente: 567,99
Zusatz: 458,01
Summe: 1026,00

Im Juli:
Rente: 567,99
Zusatz: 458.01
Summe: 1026,00

Im August: Nach der Erhöhung!
Rente: 586,08
Zusatz: 439.92!
Summe: 1026.00

Abzüglich Miete, Strom und anderen Nebenkosten verbleiben mir € 160.- pro Monat. Das sind € 5,35 pro Tag.

Im Kontakt mit dem Verfasser wurde uns dann das folgende Schriftstück übermittelt, welches durch beißende Ironie besticht, die einem kalt den Rücken hinunterläuft, nachdem sie erstmal im Halse steckenbleibt. Sehr zu empfehlen:

Mit 66 Jahren… da hört das Leben auf. Es ist wohlbekannt, daß der Original-Text ein wenig anders lautet. Denn eigentlich sollte es in dem Alter doch erst so richtig losgehen, so man den Worten des berühmten Schlagersängers Glauben schenken will.

Nicht mehr ganz taufrisch, aber dennoch guten Mutes, wollte ich nicht warten, bis ich die von Udo Jürgens vorgegebene Zahl erreicht habe und hatte mich entschieden, schon mit 65 in Rente zu gehen. Zu dem Zeitpunkt eben, an dem mich der Staat offiziell aussortiert. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten… ins Grüftchen… Verzeihung, erst noch in Rente.

Beruhigend war jener Umstand einesteils schon. Zu wissen, dem Räderwerk der Pflichtbesessenheit und dem Leistungsdruck entronnen zu sein. Endlich mal verreisen können, die Enkel in Spitzbergen besuchen, auf den Malediven die ultimative Kokosnuß pflücken, im String-Tanga die Strände des Pazifik unsicher machen, den Kilimandscharo erklimmen, Ukulele spielen auf Hawaii. Schön, der Gedanke. Andererseits habe ich die Rechnung ohne den Staat gemacht.

Als der Bescheid eintrifft, der mein künftiges Leben bestimmen soll, muß ich mich erst einmal setzen. Nach Abzug von Miete, Strom, Heizung, Telefon, Zusatzversicherung etc. bleiben mir noch € 5,35 täglich, wenn der Monat 31 Tage hat. Im Februar schießt diese enorme Summe in die astronomische Höhe von € 5,92.

Stell dich nicht so an, sage ich mir. Schließlich gibt es Drittweltländer, deren Bewohner kaum mehr zum täglichen Leben haben als ein deutscher Rentner. Mexiko zum Beispiel, dessen Einwohner durchschnittlich nahezu über das Doppelte verfügen… Aber was soll‘s.

Zu Beginn muß ich erst einmal vieles streichen. Als erstes stehe ich wieder auf und streiche – die Couch glatt. Die darf ich jetzt nicht mehr über Gebühr strapazieren. Vielleicht muß ich sie demnächst verkaufen. Wie so einiges andere.

Was aber fange ich nun an mit dieser gewaltigen Summe? Ein Pfund Kaffee kostet € 5,49. Die Anschaffung muß ich fürs erste vertagen. Also mache ich mich wieder ans Streichen. Zunächst streiche ich die Wohnung. Mit Wasser. Denn Farbe gestattet der Haushaltplan nicht. Entweder Farbe oder Essen. Der Magen rät zu letzterem, der hat 65 Jahre Erfahrung. Jetzt fängt das Leben an!

Was legt man sich für € 5,35 in den Warenkorb? Man nimmt ohnehin den kleinsten, der zur Verfügung steht, da fällt die Leere zwischen den Kartoffeln und der Tüte Milch nicht so ins Gesicht. Was fehlt noch? Ein ganze Menge, aber man darf natürlich nicht gleich am Ersten des Monats dieses voluminöse Budget überreizen. Zwiebeln machen sich gut, jedenfalls füllen sie den Korb. Vier Euro sind jetzt sinnlos verplempert. Ergo bleiben noch übersichtliche 1,35 Rest. Die Melone, mit der ich eben noch geflirtet hatte, lege ich flugs wieder ins Regal, die paßt nicht ins finanzielle Konzept eines Rentners. Ein wenig traurig sieht sie jetzt aus, mir scheint, sie vergießt gar Tränen. Aber erklär mal einer weinenden italienischen Wassermelone die Fürsorge unserer deutschen Bundesregierung. Ich versuche es erst gar nicht und überlasse sie ihrem ebenso traurigen Schicksal. Das Geheule könnte ich ohnehin nicht ertragen. € 1,35. Ich sinniere, ob ich nicht den morgigen Etat leichtfertig miteinbeziehen soll, schließlich kaufe ich nicht jeden Tag Kartoffeln. Damit wären weitere € 5,35 zu verprassen. Das macht mit den verbliebenen 1,35 immerhin stolze € 6,70. Wahnsinn! Wo steht der Kaviar?

Als ich den Supermarkt verlasse und nach Hause laufe, stecken noch ein Joghurt, etwas Käse und ein bißchen Gemüse im Korb. Er trägt sich neuerdings erstaunlich leicht. Das bringt nur Vorteile! So werden die Schultern entlastet, weniger Verspannungen, kaum noch Besuche beim Physiotherapeuten.

Auf dem Heimweg führt mich mein Weg an der Eisdiele vorbei. Eine Kugel 1,20. Das bedeutet: Bei 4 Kugeln beginnt mein Budget von übermorgen zu kollabieren. Meine Frage an den Verkäufer, ob er mir wohl eine einzige – leere – Eistüte verkaufen wolle, wird mit einem ungläubigen Blick quittiert. Ich meine, mit einer Eistüte in Händen sieht es immerhin so aus, als hätte ich mir – als Rentner – ein Eis geleistet. Man kann ja die Nachbarn ruhig etwas düpieren, ohne sich ein schlechtes Gewissen einzuhandeln. Die Eistüte überläßt der Verkäufer mir kostenlos, was mich doch sehr beschämt. Bin ich doch – laut Rentenbescheid und Ansicht unseres Hohen Berliner Hauses – durchaus in der Lage, meinen Lebensunterhalt selber zu bestreiten, was ein Eis mit einschließen sollte. Dennoch knuspere ich an der Rentner-Tüte beim Nachhausegehen, als hielte ich ein vierstöckiges Monster aus Stracciatella, Erdbeer und was weiß ich noch alles in Händen. Anstatt zu lecken, beiße ich eben von Zeit zu Zeit ein Stück von der Kekseistüte ab. Auch gut. Vielleicht etwas trocken, aber für einen Rentner gut genug. Mit € 5,35 am Tag hat man nicht wählerisch zu sein!

Apropos wählerisch: Wem soll ich beim nächsten Urnengang im Herbst meine Stimme geben? Wenn ich‘s mir recht überlege, versprechen alle Politiker vor der Wahl: „Geben Sie uns Ihre Stimme. Wir sorgen dafür, daß es Ihnen besser geht!“

Die Abgeordneten machen es uns ja vor: Nach der Wahl versorgen sich alle in gleichem Maß, also im Übermaß, mit dem, was sie benötigen, damit es ihnen besser geht. Alleine die jährlichen Erhöhungen ihrer Diäten übersteigen schon meinen gesamten Monatsetat um ein Vielfaches. Da könnte ich wählen, wen ich wollte, das Ergebnis bliebe dasselbe. Man gönnt es ihnen ja, wahrscheinlich bekommen sie es ohnehin – ob sie es verdienen oder nicht. Wen also soll ich unterstützen und im Staatsamt bestätigen, respektive dorthinauf erheben? Jene, die auch mich unterstützen. Wäre logisch. Kommt aber leider nicht infrage, denn wer interessiert sich schon für die Belange der Ruheständler. Sicher nicht die, welche sich – nach wenigen Jahren im Staatsdienst – mit einigen tausend Euro guten Gewissens in den Ruhestand begeben. Dabei sollten doch gerade jene, die gut schwimmen können, anderen, die am Ertrinken sind, hilfreich unter die Arme greifen. Na ja, mal sehen.

Weniger Geld zur Verfügung zu haben, hat in der Tat auch gute Seiten. Diese ewigen Tüfteleien um den nächsten Urlaub haben sich in Luft aufgelöst. Kein Sonnenbrand mehr, kein Beschweren über das fette Essen. Auch die Flugangst ist passé. Was mach ich jetzt mit meinen verbliebenen Reisetabletten? Die kann ich jetzt alle auf einmal schlucken. Hoffentlich sättigen sie wenigstens.

Ha! Von wegen Reisetabletten! Nichts als Propaganda! Jetzt habe ich die ganze Schachtel Reisetabletten eingeworfen und – bin noch immer zu Hause.
Neulich vor der Apotheke fiel einer Frau mittleren Alters ein Fünfzig-Euroschein aus der Handtasche. Sie war so in Eile, daß sie es nicht einmal bemerkt hat. Ich brauchte eine geschlagene halbe Minute, um den Schein als solchen überhaupt zu identifizieren. Wann sieht unsereins schon mal eine solche Rarität? Erst wollte ich ihr hinterherrufen. Stattdessen rechnete ich durch: 50 Euro, das wären annähernd 9 Tage Überleben für mich. Mein unsteter Blick machte die Runde, behutsam näherte ich mich dem am Boden liegenden Geldschein. Als ich mich soeben zu Bücken anschickte, trat ein junger Herr im dunklen Anzug in mein Gesichtsfeld, griff sich den Schein, lief davon, stieg in seinen schwarzen Audi A8 und fuhr von dannen. Oder von hinnen. So genau konnte ich das nicht erkennen. Zur nächsten Tankstelle. Hat ihn wahrscheinlich dringender gebraucht als ich.

Einige lehrreiche Monate sind jetzt verstrichen. Inzwischen habe ich sogar an die Sozialministerin geschrieben und ihr mein kleines Malheur geschildert. Geantwortet hat sie bisher nicht, ist wohl zu beschäftigt mit dem Regieren. Andererseits kann ich mir gut vorstellen, daß sie mein Problem gar nicht versteht. Erkläre mal einem, der soeben gesättigt vom Tisch aufsteht, was Hunger bedeutet. Ich wäre ja schon längst gestorben, aber das kann ich mir gar nicht leisten. Was so eine Beerdigung wieder kostet!

Die Kanzlerin, die mit dem Wahlspruch: Wohlstand für alle! in den Kampf zieht, werde ich irgendwann zum Essen einladen! „Liebe Mama Merkel, kommen Sie bitte zum Essen. Es gibt gefüllten Fasan, selbstgemachte Kartoffelknödel, eine exquisite Pilzsoße aus Pfifferlingen und Steinpilzen, Salat, Nachtisch, Eis…und jede Menge Wein.“ Wenn sie dann eintrifft, wird sie feststellen, daß es ein unangenehmes Unterfangen sein kann, wenn man verspricht und nicht liefert. Sie wird nämlich genau dasselbe Menü erhalten, das ich dreimal die Woche konsumiere. Spaghetti mit Öl. Nicht ganz durchgekocht, damit Strom gespart wird. Innen noch quasi al dente. Also ziemlich dente…Ohne Käse. Wer braucht schon Käse. Dazu gibt es Wasser aus der Leitung. Und dann plaudern wir über Verantwortung, Versprechungen und das Sorgen um die eigenen ‚Schutzbefohlenen‘. Und natürlich über Wohlstand für alle. Oder zumindest mal über eine gefüllte Eistüte…

Etliches an Mobiliar und anderen Gegenständen habe ich bereits verkaufen müssen. Die glattgestrichene Couch ist fort! (80.- Euro = 14 Tage leben.) Auch die beiden Sessel haben sich verabschiedet (6 Tage). Fernsehen würde ich ja auch im Stehen, wenn sich das Gerät noch in meinem Besitz befände… Schon lange nicht mehr (TV 8 Tage). Gitarre, Tisch, Wandschrank (1 knapper halber Monat). Allmählich leert sich meine Wohnung, die den Namen bald nicht mehr verdient. Denn wohnen kann ich darin schon lange nicht mehr. Mit dem Bett warte ich bis zum Schluß. Bevor ich unter die Brücke ziehe. Habe mich schon umgesehen. Zieht im Winter etwas. Soeben lege ich die Gardinen zusammen, die kommt gleich jemand abholen, für 15.- Euro (fast drei Tage).

Aber ich merke eines: Schlank bin ich geworden! Meine Figur ähnelt immer weniger jenen dieser übergewichtigen Politiker. Aber unter uns: Wer will schon aussehen wie Joschka Fischer oder – Mama Merkel. Und hierbei stellt sich eine andere wichtige Frage: Wessen Mama ist sie eigentlich? Unsere? Oder ist sie im Grunde eher eine retrograde Stiefmutter, die ihre eigenen Kinder zugunsten fremder vernachlässigt?

Vielleicht werde ich vor meinem Umzug unter die Brücke noch eine eigene Partei gründen: Schlanke Rentner. Mit dem Slogan: „Vergessen Sie alles, was Sie über Fitneß-Studios je gehört oder gelesen haben!“ werde ich in den Wahlkampf ziehen. „Schlankheit für alle!“

Nichts bringt einen so sehr in Form und Figur wie der Beginn des Rentenalters. Vergessen Sie auch Udo Jürgens. Denn mit 65 Jahren fängt das Leben so richtig an. Aus Brückentagen, die oftmals einem Feiertag folgen, werden eben bald – die letzten – Brückenjahre.


1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5,00 von 5 Punkten, basierend auf 1 abgegebenen Stimmen.


Bewerten Sie diesen Artikel - Hinterlassen Sie gerne auch ein Kommentar!
Loading...

Kommentar schreiben

(auch anonym möglich)

Hier haben Sie die Möglichkeit den Beitrag (wenn Sie mögen anonym) zu kommentieren und Ihre Erfahrungen und Meinungen zu schildern. Wir freuen uns über jeden Kommentar! Bitte beachten Sie jedoch, dass wir politische Hetze gegenüber Minderheiten und Aufrufe zu Gewalt nicht veröffentlichen werden.

Rentner, Senioren, ältere Menschen, goldene Jahre, Herbst des Lebens, Silver Surfer - Bezeichnungen für die Leser dieses Magazins gibt es viele. Wir möchten darauf hinweisen, dass wir in unseren Publikationen so weit wie möglich mit neutralen und wertfreien Bezeichnungen arbeiten bzw. allgemein an "den Leser" adressieren.
Seniorenbedarf.info