Scammer: Wie moderne Internetbetrüger vorgehen

Scammer

Internet, Vernetzung und Digitalisierung haben viele unserer Lebensbereiche revolutioniert und sind inzwischen zum festen Bestandteil der Gesellschaft geworden. Doch auch die Gefahren werden damit virtualisiert. So gab es schon immer Menschen, die durch Betrug hohe Summen erwirtschaftet haben. Im Internet heißen sie „Scammer“. Für unseren Artikel haben wir ein Interview mit einem ihrer Betrugsopfer geführt.

Jährliche Schäden in dreistelliger Millionenhöhe

Alleine in den USA entsteht jährlich durch sogenannte „Scammer“ ein Schaden von rund 146 Millionen Dollar. Besonders berüchtigt ist dabei die sogenannte Nigeria Connection, eine lose strukturierte Bande von Betrügern, die in Nigeria, aber auch in anderen afrikanischen Ländern beheimatet ist. Arglosen Opfern versuchen „Scammer“ mithilfe von Liebesversprechen oder den Versprechen auf ein riesiges Erbe Geld aus der Tasche zu ziehen. Einmal abgeschickt, sieht man sein Geld nie mehr wieder.

Der Ausdruck „Scammer“ stammt dabei vom engl. „scam“, was so viel wie „betrügen“ bedeutet. Die deutsche Staatsbürgerin Petra Wessollek aus Baden-Baden ist einem Romance-Scammer, einem Heiratsschwindler, aufgesessen und auf diese Art um knapp 10.000 Euro gebracht worden, von ihren verletzten Gefühlen ganz zu schweigen. Uns hat sie ihre Geschichte erzählt, denn sie möchte andere potenzielle Opfer warnen:

2013 meldete sich bei Facebook ein sogenannter „Mike Alvin“ bei ihr. Er umschwärmte die 56-Jährige mit Komplimenten, schrieb ihr, was für eine tolle Ausstrahlung sie auf ihrem Profilbild doch hätte. Schon bald wurden daraus tägliche Nachrichten, es folgten auch E-Mails und Telefonanrufe und zwar immer zur gleichen Tageszeit. Wie meist in solchen Fällen, war auch Mike angeblich ein gutsituierter Ingenieur, der in Nigeria auf einer Ölpipiline arbeitet, außerdem war er durch einen Unglücksfall verwitwet und alleinerziehender Vater von zwei Töchtern. Gerne geben sich die Betrüger außerdem als US-amerikanische Soldaten im Auslandseinsatz aus, vorzugsweise unschuldig geschieden oder verwitwet und mit einer gefälschten Lebensgeschichte, die bei den Opfern Mitleid erregen soll.

Scammer TäuschungSchon wenige Wochen nach der ersten Kontaktaufnahme meldete „Mike“ die erste Horrorgeschichte: Seine Tochter sei an Meningitis erkrankt und müsse schnellstens behandelt werden. Jedoch – und das war die Krux bei der Sache – müsse er den Arzt Cash bezahlen, seine Kreditkarte werde aber nicht angenommen, so dass er kein Geld abheben könne. Zusammen mit der Nachricht kam ein Foto der vermeintlich sterbenskranken Tochter. Petra Wessollek zögerte nicht lange und schickte per Western Union 2.500 Euro. Schließlich ging sie davon aus, dass Mike, seine Töchter und sie selbst schon so gut wie eine Familie seien. Denn Mike hatte versprochen, dass er bald, sehr bald nach Deutschland kommen würde, wenn sein Projekt in Nigeria beendet sei, und das sie dann glücklich zusammenleben würden.

Doch aus den Wochen wurden Monate und immer neue Verzögerungen und Schwierigkeiten traten auf. Mal war die Ölbohrmaschine kaputt und der Auftraggeber ließ nicht mit sich reden, ein anderes Mal benötigte „Mike“ dringend Geld für die Geburtstagsfeier seiner kranken Tochter. Währenddessen wurde Petra Wessollek mit Komplimenten und Liedern von Phil Collins und Celine Dion überhäuft und am Telefon mit einer angenehmen Stimme und lieben Worten umgarnt. Aktuelle Fotos konnte „Mike“ jedoch mit seinem Handy angeblich nicht machen und Videochat, nun, das ging auch nicht.

Gestohlenes Profil, fingierte Geschichte

Schließlich wurde Petra Wessolleks ältester Sohn bei einem Besuch stutzig. Er recherchierte im Internet und fand heraus, dass „Mikes“ Profilbild eigentlich zu einem Portugiesen gehört und im Netz gestohlen worden war. Das Bild der angeblich todkranken Tochter zeigte in Wirklichkeit ein totes Kind aus dem Libanon. Petra Wessollek realisierte daraufhin zwar, was tatsächlich im Gange war, doch sie sagt: „Nur einen Tag danach wurde ich wieder rückfällig. Ich vergleiche das mit einem Drogenabhängigen: Er sieht die Droge da liegen, weiß, dass es nicht gut ist, wenn er sie anrührt, aber er blendet alles andere um sich herum aus. So wars bei mir.“ Zwar stellte sie „Mike“ zur Rede, doch dieser hatte Erklärungen parat und schaffte es erneut, sie zu manipulieren und umzustimmen: „Ich war ihm sozusagen unbewusst hörig, zwei Jahre lang.“

Irgendwann kam dann allerdings die erfreuliche Nachricht, dass „Mike“ „morgen“ seine Arbeit in Nigeria beendet haben würde. Leider habe er aber kein Geld für die Flugtickets und so schickte ihm Petra Wessollek abermals Bares und versprach sich selbst: „Das ist das letzte Mal.“ Früh am nächsten Morgen rief „Mike“ schluchzend und weinend an und präsentierte eine neue Geschichte: Er dürfe nicht ausreisen, denn die Ölbohrmaschine sei explodiert, Öl ins Meer geflossen und die Botschaft gebe kein grünes Licht, bis der Schaden behoben worden sei. Kurzum: Er brauchte angeblich mehrere tausend Euro für einen guten Anwalt.

Scam GefahrPetra Wessollek fiel es in diesem Moment wie Schuppen von den Augen. Aus den Schmetterlingen im Bauch wurde Wut, sie blockierte „Mike“ in Facebook und WhatsApp und ging zur Kriminalpolizei. Die wiederum tippte sofort auf die „Nigeria Connection“. Da die deutsche Justiz jedoch keinerlei Handlungsbefugnis in Nigeria hat und zum Teil auch die nigerianische Polizei und Banken in die Betrügereien verstrickt seien, war das Geld auf Nimmerwiedersehen verloren. Tatsächlich handelt es sich bei der „Nigeria Connection“ um eine riesige, mafiaähnliche Organisation, die ebenso dreist wie gefährlich ist.

Der Gipfel der Dreistigkeit war jedoch, als sich einige Tage später ein sogenannter Interpolagent namens „Franck“ bei Petra Wessollek meldete und angab, Betrügern der „Nigeria Connection“ auf der Spur zu sein. Er sei auf Petra Wessolleks Fall angesetzt worden. Obwohl die 56-Jährige sofort wusste, dass es sich um einen weiteren Betrugsversuch handelte, spielte sie zunächst mit. Die Geschichten die „Franck“ dann zum Besten gab, könnten aus einem schlechten Actionfilm stammen: Es gab wilde Verfolgungsjagden, täglich wurden Gangmitglieder verhaftet oder starben im Kugelhagel. Schließlich forderte „Franck“ Petra Wessollek wie befürchtet auf, ihm die Kopie ihres Personalausweises zu schicken. Als diese daraufhin Francks Profil auf öffentlichen Anti-Scammer-Seiten postete, begann er sie wüst zu beschimpfen und drohte ihr mit Voodoo-Zauber.

Bedachtes Handeln bei Verdacht auf Scamming

Inzwischen engagiert sich Petra Wessollek in der Aufklärung und hat es sich zur Aufgabe gemacht, andere zu warnen. Aus diesem Grunde gibt sie auch ihren echten Namen an. Sie gibt folgende Tipps: Profilbilder und Fotos googeln (Fotos lassen sich beispielsweise einfach in die Google-Bildersuche ziehen und sich somit auf Duplikate überprüfen) und auf jeden Fall hellhörig werden, sobald Geld ins Spiel kommt. Sie kommt zuletzt zu dem Schluss: „Verurteilt nicht die Opfer, denn darauf reinzufallen, hat nichts mit Dummheit zu tun. Die Betrüger wissen genau, auf welche Weise sie Menschen um den Finger wickeln können. Ein Blick ins Profil oder in die Posts der jeweiligen Person zum Beispiel geben Aufschluss über Interessen, Weltanschauung, Tagesform usw. Von daher wissen Scammer, wie sie es anfangen müssen.“

Die Kriminalpolizei gibt außerdem folgende Ratschläge:

  • Freundschaftsanfragen im Internet, die dubios erscheinen, erst gar nicht annehmen.
  • Wenn Facebook-Profile von neuen Bekanntschaften nicht informativ sind, keine offene Freundesliste oder sichtbare Postings zeigen, ist ebenfalls Vorsicht angebracht.
  • Scammer legen sich spezifische Identitäten zu: Sie sind angeblich etwa im gleichen Alter wie die anvisierten Opfer, arbeiten im mittleren Management im Ausland oder sind US-Soldaten bzw. höherrangige Militärs im Auslandseinsatz, bevorzugt sind sie verwitwet, alleinerziehend oder die Kinder sind ebenfalls verstorben. Die gestohlenen Profilbilder zeigen meistens sympathische Durchschnittsbürger.
  • Seien Sie vor allem im Internet zurückhaltend mit der Preisgabe von Informationen über die eigene Person. Eigene Kontakte verstecken Sie am besten. Scammer versuchen ihre Opfer gezielt auszufragen, um Schwächen ausfindig zu machen.
  • Vorsicht ist auch angezeigt, wenn Nachrichten in perfektem Englisch kommen, der Schreiber betont empathisch erscheint, vorschnell Liebeserklärungen abgibt und übertriebene Liebesschwüre formuliert.
  • Beenden Sie den Kontakt sofort, wenn Anfragen nach Geld kommen. Oft wird dabei ein hoher emotionaler Druck ausgeübt.
  • Werden Sie auch hellhörig, wenn jemand ihnen angeblich viel Geld schenken oder vererben möchte. Dabei handelt es sich um sogenannten Vorschuss-Betrug, denn sobald Sie zustimmen, werden vermeintliche Gebühren fällig, für die Sie in Vorausleistung gehen sollen.
  • Bevorzugte Zielobjekte von Scammern sind alleinstehende Frauen im mittleren Alter, da junge Frauen beispielsweise in der Regel noch nicht über die entsprechenden finanziellen Ressourcen verfügen. Doch auch Senioren geraten oft ins Visier der Betrüger.
  • Lassen Sie sich niemals zu einem Treffen (zum Beispiel im Zuge einer vermeintlichen Geldübergabe) mit einem Unbekannten aus dem Internet überreden. Es besteht dann akute Gefahr für Leib und Leben. Insbesondere versuchen Betrüger häufig, ihre Opfer ins Ausland zu locken.

ScammerScammer-Banden, wie sie seit den 1990er-Jahren im Zuge des Internets vermehrt aktiv sind, verändern ihre Taktiken ständig und passen sie den aktuellen Gegebenheiten an, beispielsweise, wenn eine Masche zu bekannt wird. Erstaunlicherweise haben die meist jungen Männer, die in solchen Banden organisiert sind, oft keinerlei Unrechtsbewusstsein. Die Tatsache, warum Scammer-Banden häufig in afrikanischen Großstädten wie Lagos, der Hauptstadt Nigerias, beheimatet sind, hat bestimmte Gründe: Die allgemeine Armutsrate ist hoch, die digitale Infrastruktur mit zahlreichen anonymen Internet-Cafés aber gut ausgebaut. Die Kriminalpolizei warnt jedoch, dass sich solche Betrügerbanden auch immer mehr in Europa ausbreiten.

Wenn Sie besonders mutig sind, dann würgen Sie dubiose Kontaktanfragen im Internet einfach damit ab, indem Sie direkt fragen, wie viel Geld das Gegenüber denn benötigt. Damit ersticken Sie jeden Ärger gleich im Keim.

Im Zweifelsfall sollten Sie aber gar nicht erst antworten – und allein aus Gründen des Virenschutzes keine unbekannten E-Mail-Anhänge öffnen.

Über die Autorin

BabicMarijana Babic ist Literaturwissenschaftlerin und Historikerin. Nach einigen Jahren im Verkauf hat sie sich nach Abschluss ihres Magister-Studiums 2006 als Journalistin, Texterin und Lektorin selbstständig gemacht. Schwerpunkte dabei sind Soziales, Psychologie und Psychopharmakologie. Eine neue Website befindet sich derzeit noch im Aufbau.

Marijana Babic
Heinrich-Fuchs-Straße 120
69126 Heidelberg
E-Mail: marijana.babic@outlook.de
Telefon: 06221 433 5307


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