Co-Abhängigkeit – über die Hintergründe und mögliche Auswege eines unterschätzen Suchtphänomens

Co-Abhängigkeit

Co-Abhängigkeit – die meisten denken bei diesem Begriff spontan an eine Beziehung zwischen einem Suchtkranken und dessen Angehörigem. Doch Co-Abhängigkeit kann viele Gesichter annehmen und praktisch jede Art von menschlicher Beziehung betreffen. Aber was ist das eigentlich?

Acht Millionen Bundesbürger betroffen

Die Ehefrau entschuldigt den Ehemann bei der Arbeitsstelle zum wiederholten Male mit einer Grippe, um zu verbergen, dass er die Nacht zuvor wieder betrunken war, findet gegenüber der Außenwelt immer neue Ausflüchte, um seine Sucht zu vertuschen: Viele haben solche oder ähnliche Szenarien vor Augen, wenn von „Co-Abhängigkeit“ die Rede ist. Obwohl sich ein co-abhängiges Muster in jede Art von Beziehung einschleichen kann, ist das Phänomen tatsächlich häufig mit einer Suchterkrankung des Gegenübers verbunden. Schätzungsweise rund acht Millionen Bundesbürger sind von der Sucht eines Angehörigen betroffen.

Die Geschichte von Gabi S., 37, ist hierfür typisch: Sie brauchte lange, um zu realisieren, dass ihr Lebenspartner ein ernsthaftes Alkohol- und Drogenproblem hatte, denn dieses verbarg er erfolgreich vor ihr. Als durch eine unglückliche Verkettung von Umständen auch noch beide arbeitslos wurden, stürzte das Paar um ein Haar ab. Gabi S. berichtet:

Mein Leben hat sich nur noch um meinen Freund gedreht und wie ich ihm helfen kann. Ich hatte ein sehr schwaches Selbstwertgefühl und habe mich von dieser Beziehung völlig abhängig gemacht. Mich haben deswegen jahrelang Ängste und Depressionen gequält. Es war eine harte Zeit.

„Kurz gesagt ist Co-Abhängigkeit die Sucht, gebraucht zu werden“

So umschreibt Helmut Kolitzus aus München, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiater, Buchautor und Experte für Suchtfragen das Phänomen, mit dem er sich intensiv beschäftigt hat, „Co-Abhängige wollen helfen, aber der Effekt ist meist das Gegenteil.“ Denn der Süchtige oder Hilfsbedürftige nehme für den Co-Abhängigen die Funktion ein, die Alkohol für den Alkoholkranken einnehme: Er sei schlichtweg ein Suchtmittel. „Co-Abhängige bewahren den Hilfsbedürftigen vor den negativen Folgen seines Problems. Aber ein gewisser Leidensdruck ist notwendig, damit jemand zu einer Veränderung bereit ist.“

Für dieses ungesunde Beziehungsmuster zahlten Betroffene oft einen hohen Preis, denn ernsthafte gesundheitliche Probleme könnten die Konsequenz sein: Depressionen, Burnout und psychosomatische Beschwerden wie Rücken- oder Kopfschmerzen seien nur einige mögliche Begleiterscheinungen.

Jens Flassbeck ist Diplom-Psychologe, Buchautor und Betreiber der Website www.co-abhaengig.de. Auch er hat sich intensiv mit dem Phänomen beschäftigt und verdeutlicht: „Viele, die in der Co-Abhängigkeitsfalle sitzen, erkranken selbst psychisch. Bei Kindern aus Familien mit Suchtstrukturen beispielsweise ist bekannt, dass ungefähr 60 Prozent entweder bereits in der Kindheit oder aber später an Traumata oder Suchtstörungen leiden.“ Flassbeck weiter: „Das Zusammenleben mit einem Suchtkranken bedeutet enormen Stress, der oft die Ursache für eine psychische Störung sein kann. Typische Folgen sind Depressionen, Angststörungen und psychosomatische Leiden.“ Wenn Co-Abhängige selbst erkranken, hält Flassbeck professionelle Hilfe für unabdingbar: „Dann ist der Gang zum Psychotherapeuten angezeigt, in ernsteren Fällen kann eine stationäre Behandlung notwendig sein.“

Schädliche Abhängigkeit von anderen Personen

Wenn Suchterkrankungen auch ein wichtiger Aspekt des Phänomens sind, sprechen Fachleute aber auch von Co-Abhängigkeit, wenn Menschen sich grundsätzlich in schädlicher Art und Weise von anderen Personen abhängig machen. Es handelt sich um eine ernste Störung in der Gestaltung von Beziehungen, die durch mehrere typische Merkmale charakterisiert ist: Das Selbstwertgefühl ist oft gering, Betroffene passen sich zu stark an andere an und vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse, die sie häufig kaum mehr wahrnehmen. Die Maßstäbe an die eigene Person sind übermäßig hoch und hart, Betroffene opfern sich für andere auf und registrieren mit äußerst sensiblen Antennen, was das Gegenüber benötigt. Gleichzeitig geht Co-Abhängigkeit häufig mit einem starken Bedürfnis einher, den anderen zu kontrollieren, Hilfsbedürftige werden mit Ratschlägen und Hilfsangeboten regelrecht überschüttet. Andererseits sind Betroffene oft überrascht, wenn ihre vielen Angebote zurückgewiesen werden, da ihnen ihr eigenes Verhalten nicht bewusst ist. Co-Abhängige verharren oft in Beziehungen, die für sie schädlich und ungesund sind, und haben Schwierigkeiten, selbst um Hilfe zu bitten oder eigene Wünsche anzumelden.

Co AbhängigkeitUrsprünglich wurde der Begriff nur angewandt, um typische Beziehungsmuster zwischen Süchtigen und deren Angehörigen zu umschreiben. Dann jedoch realisierte man, dass das Verhältnis zu psychisch Kranken häufig ähnlich verläuft. „Co-Abhängigkeit kann aber in jedem Lebensbereich auftreten“, erklärt die bereits zitierte Gabi S., „im Beruf, im Freundeskreis oder in der Beziehung zu einem Partner.“ Oft liefen Betroffene in die gleiche Falle, wenn es um die Gestaltung ihrer Beziehungen ginge.

Auch Peter W. machte Erfahrungen mit co-abhängigen Mustern in seinem Leben: „Insgeheim habe ich geglaubt: Du bist nur etwas, wenn du etwas leistest und andere dir Anerkennung zeigen“, sagt der 55-Jährige. „Ich habe mich in meiner Ehe und im Beruf immer klein gemacht. Andererseits habe ich andere oft gering geschätzt. Meine Arbeitssucht ging schließlich so weit, dass ich Burnout-Symptome entwickelte. Mein Problem war, dass ich Liebe mit Lob und Anerkennung verwechselt habe.“

Schließlich stieß er vor 19 Jahren genau wie Gabi S. zu den Anonymen Co-Abhängigen („CoDa“) – und erfuhr da ein echtes Damaskus-Erlebnis: „Ich habe erkannt: Ich muss nichts leisten, ich werde als Person angenommen und bin mit anderen auf Augenhöhe. Ich hatte spontan den Eindruck, hier bin ich richtig!“ In den wöchentlichen „Meetings“, wie die Zusammenkünfte von CoDa heißen, habe er gelernt, seine ungesunden Beziehungsmuster zu erkennen und daran zu arbeiten. Auch half ihm die Erfahrung, dass andere Menschen ähnliche Probleme haben.

Im Beruf konnte er seine veränderte Einstellung gut umsetzen: „Ich konnte mit meinem Chef und mit Mitarbeitern auf Augenhöhe sprechen und insbesondere das Verhältnis zu meinem Vorgesetzten hat sich verbessert“, beschreibt er, „die Arbeit hat dann wieder Spaß gemacht.“ Probleme gab es jedoch in seiner Ehe, denn seine Partnerin war über seine Entwicklung alles andere als erfreut. Obwohl sie es gewohnt war, dass Peter W. seine eigenen Bedürfnisse immer hinten anstellte, musste sie nun konfrontieren, dass er zu fragen lernte, was er selbst will. „Sie wollte diese Entwicklung sabotieren, hat sich über CoDa lustig gemacht, die Organisation abgelehnt und mich als Neurotiker bezeichnet“, beschreibt Peter W. Er begann schließlich neu, über das Verhältnis zu seiner Frau nachzudenken. Nach einem Jahr folgte die Trennung, denn die Eheleute fanden keinen Konsens mehr.

CoDa: Organisierte Zusammenkünfte anonymer Co-Abhängiger

Doch was geschieht bei den CoDA-Meetings, wie die Betroffenen ihre Gruppenzusammenkünfte nennen? In der Regel dauern diese eine bis anderthalb Stunden, wobei jeder Teilnehmer eine gewisse Zeit zum Reden eingeräumt bekommt. Kommentiert werden die Erzählungen nicht, jeder kann seine persönlichen Erfahrungen zu einem Thema teilen, es gibt keine Stellungnahmen und keine Diskussionen. Feedback gibt es auf Wunsch nach den Meetings. In der Regel wird CoDA-Literatur gelesen und darüber gesprochen. Das bietet die Gelegenheit, die Leidensgeschichte anderer Menschen zu hören, seine eigene Erfahrung mit der Gruppe zu teilen und zu begreifen, dass man nicht alleine mit seinem Problem ist.

Co Abhängigkeit

Willkommen ist jeder, der den Wunsch nach gesunden, liebevollen Beziehungen hat. Dabei gehen die Anonymen Co-Abhängigen ähnlich wie die Anonymen Alkoholiker davon aus, dass sie mit ihren Problemen nicht mehr alleine zurechtkommen. Demgemäß stützen sie sich auch auf die Weisheit, das Wissen, die Schritte und die 12 Traditionen der Anonymen Alkoholiker.

Die Anonymen Co-Abhängigen betonen ausdrücklich, mit keiner Sekte, Konfession oder politischen Anschauung, keiner Organisation oder Institution verbunden sein. Aus öffentlichen Diskussion halten sie sich konsequent heraus. Finanziert werden die Meetings (zum Beispiel die Raummiete) oder der offizielle Auftritt im Internet durch Spenden aus den eigenen Reihen. Gelder von außerhalb lehnen sie ab, um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Sie sind das, was die Anonymen Alkoholiker für Alkoholkranke sind: Eine Selbsthilfegruppe für gesunde Beziehungen.

Weiterführende Literatur:

  • www.co-abhaengig.de
  • www.coda-deutschland.de (mit Kontaktadressen)
  • Helmut Kolitzus, Ich befreie mich von deiner Sucht. Hilfen für Angehörige von Suchtkranken, München 2000 (11. Auflage).
  • Jens Flassbeck, Co-Abhängigkeit: Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken, Stuttgart 2010.

Über die Autorin

BabicMarijana Babic ist Literaturwissenschaftlerin und Historikerin. Nach einigen Jahren im Verkauf hat sie sich nach Abschluss ihres Magister-Studiums 2006 als Journalistin, Texterin und Lektorin selbstständig gemacht. Schwerpunkte dabei sind Soziales, Psychologie und Psychopharmakologie. Eine neue Website befindet sich derzeit noch im Aufbau.

Marijana Babic
Heinrich-Fuchs-Straße 120
69126 Heidelberg
E-Mail: marijana.babic@outlook.de
Telefon: 06221 433 5307


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