Zahl von ausländischen Pflegekräften in deutschen Haushalten nimmt zu

Ausländische Pflegekräfte

Seit Jahren ist die schwierige Situation in der Pflege ein Dauerthema. Auf der einen Seite steigt die Anzahl pflegebedürftiger Menschen, auf der anderen Seite ist dafür aufgrund stark belastender Arbeitsbedingungen und zu geringer Entlohnung nicht in ausreichendem Maße professionelles Personal für die institutionellen Einrichtungen zu finden. Dies hat dazu geführt, dass bereits im Jahr 2018 40.000 Stellen in der Pflege im stationären Rahmen unbesetzt blieben, insgesamt fehlen jedoch rund 100.000 Pflegekräfte, da viele Betroffene und ihre Angehörigen nach Möglichkeit eine häusliche Pflege vorziehen. Aus diesem Grunde werden verstärkt aus dem osteuropäischen Ausland Arbeitskräfte angeworben. Doch dies ein zweischneidiges Schwert.

Über 250 aktive Vermittlungsagenturen

Der Blick ins Internet offenbart einen klaren Trend: Rund 250 Vermittlungsagenturen sind inzwischen in der Vermittlung osteuropäischer Arbeitskräfte für die Pflege in deutschen Haushalten tätig. Oftmals stammen die angeworbenen Arbeitnehmer aus Polen, inzwischen aber auch häufig aus der Slowakei, Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten.

In einer Studie des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Mainz wurde dieser Trend inzwischen untersucht. Die Ergebnisse der Studie skizzieren folgendes Bild: Aus finanziellen Gründen können sich viele Pflegebedürftige einen 24-Stunden-Dienst durch einen professionellen deutschen Pflegedienst einfach nicht leisten. Demnach lässt der Staat die Familien mit diesem Problem alleine. Als Lösung behelfen sich die Betroffenen mit günstigeren Arbeitskräften aus Osteuropa, oftmals über eine Agentur vermittelt. Die Pflegekräfte wohnen dann mit der Familie unter einem Dach und helfen häufig auch im Haushalt mit. Die Haushalthelfer/innen pendeln in der Regel alle drei Monate zurück in ihr Heimatland, während eine zweite Kraft sie auswechselt. Qualifikation und Ausbildung der Arbeitskräfte sind den Kunden zumeist nicht so wichtig, solange der persönliche Umgang und „die Chemie“ stimmt.

Licht und Schatten

Auf den ersten Blick scheint dies eine elegante Lösung der Pflegemisere zu sein: Die betroffenen Familien können sich mit einer finanziell günstigeren Lösung arrangieren, die Arbeitskräfte aus Osteuropa finden in Deutschland eine besser bezahlte Arbeit als in ihrem Heimatland und der Staat muss nicht eingreifen, obwohl die Probleme in der Pflege landläufig bekannt sind und es sich häufig um informelle Arbeitsverhältnisse handelt. Doch so einfach ist es nicht. Ein informelles Arbeitsverhältnis bedeutet nämlich in der Regel hohe Arbeitszeiten und niedrige Löhne, während es keinerlei Anspruch auf Sozialleistungen und keinen Versicherungsschutz gibt. Zudem ist die oft mangelnde Qualifikation von osteuropäischen Pflegekräften in deutschen Haushalten kritisch zu sehen. Außerdem existieren häufig Sprachbarrieren, wenn osteuropäische Pflegekräfte kaum oder nur gebrochen Deutsch sprechen. Kurzum: Es handelt sich überwiegend um prekäre Arbeitsbedingungen unter denen osteuropäische Pflegekräfte arbeiten müssen. Es ist keine Seltenheit, dass manche rund um die Uhr einsatzbereit sein müssen.

Caritaspräsident Peter Neher warnt deswegen vor „spätkolonialistischen Attitüden“, ganz nach dem Motto: „Hauptsache wir in Deutschland sind versorgt.“ Er weist darauf hin, dass diese Arbeitskräfte bereits jetzt in Osteuropa fehlen und es vielmehr darum gehen müsse, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Deutschland generell zu verbessern. Die Pflegekammer Niedersachsen fordert überdies, dass solche Arbeitsverhältnisse auch ohne Vermittlungsagentur legal möglich sein sollten und dass die Politik ausländische Abschlüsse stärker anerkennen sollte, um die Arbeitnehmer zu schützen.

24 Stunden PflegeNichtsdestotrotz scheint es im Bereich der Vermittlungsunternehmen erhebliche qualitative Unterschiede zu geben. So wirbt das Unternehmen „silbertreu“ beispielsweise ausdrücklich mit dem Einsatz von ausschließlich geeigneten Arbeitskräften mit langjähriger Berufserfahrung und guten Sprachkenntnissen. Der Betreuungsdienstleistung würde eine individuelle Bedarfsanalyse vorausgehen und alle arbeitsrechtlichen Vorgaben würden stets eingehalten.

Die Bundesregierung setzt in jedem Fall weiterhin auf die Anwerbung von Arbeitskräften aus Osteuropa, um eine Lösung für die Pflegemisere zu finden. Ein Beispiel hierfür ist der jüngste Besuch von Gesundheitsminister Jens Spahn im Kosovo, um die Kooperation in der Pflege zu verstärken.

Recherchequellen

[1] http://www.uni-mainz.de/presse/aktuell/7744_DEU_HTML.php
[2] https://silbertreu.de/leistungen/demenz-pflege-und-betreuung-zu-hause/
[3] https://www.diepresse.com/3861558/brain-drain-wohin-europas-fachkrafte-wandern

Bildquelle: Alexander Raths & auremar – Fotolia


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