“Wenn der Kühlschrank sich leert und die Decke die Heizung ersetzt, muss man auch als Individuum ins Handeln kommen” – Kommentar zur angespannten Wirtschaftslage

Inflation

Auch mit der größten prozentualen Erhöhung der Renten seit Jahrzehnten (5,35 % im Westen, 6,12 % im Osten) sorgen sich Seniorinnen und Senioren in Deutschland um ihren Lebensstandard. Nur wer Grundsicherung oder Wohngeld erhält, kann zusätzliche – allerdings einmalige – Zuschüsse einkalkulieren. Angesichts steigender Preise für Heizkosten und Lebensmittel wird die Situation für viele Menschen trotzdem immer besorgniserregender.

In der Nachhaltigkeitsdebatte wird schon länger über „Degrowth“ gesprochen, also dem bewussten Verzicht auf Konsumaktivitäten – hier allerdings eher, um die ökologischen Kosten für den Planeten zu begrenzen. Dass diese Nachhaltigkeitsstrategie nun notgedrungen zur Tugend wird, besonders wegen der wirtschaftspolitischen Entscheidungen in Folge des Ukrainekrieges, hätte so schnell wohl niemand erwartet.

In der Praxis folgt diese “Degrowth”-Strategie dem Leitspruch “Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht”. Welche Ausgaben im Alltag lassen sich reduzieren, welche gar ersatzlos streichen? Welche Aktivitäten kommen kostengünstiger daher? Ökonomen wie Niko Paech werden dabei nicht müde zu unterstreichen, dass mit Konsumverzicht auch eine Steigerung des individuellen Wohlbefindens einhergehen kann. Reizüberflutung, Zeitknappheit und Stress seien Indizien für eine totale „Konsumverstopfung“ in unseren westlichen Gesellschaften, für freudestiftende und gesellige Aktivitäten bleibe kaum mehr Zeit.

Auch der Mathematiker und Klimaforscher Anders Levermann sieht durchaus Potentiale in einem veränderten Konsumverhalten. Wie in der Physik könne es unendliches Wachstum im begrenzen Raum nicht geben, weswegen das Prinzip der „Faltung“ interessant wird: Statt in der Quantität zu wachsen und immer mehr ungenutzt anzuhäufen, findet ein qualitatives Wachstum statt, d. h. einzelne Produkte werden intensiver und nachhaltiger konsumiert, repariert und modifiziert.

Natürlich lässt sich im akademischen Elfenbeinturm immer leicht zur mehr Verzicht aufrufen – die harte Alltagsrealität, in der Gebühren und Kosten bedient werden müssen und jede unvorhergesehene Rechnung den Haushaltsplan unter Druck setzt, sieht wahrlich anders aus. Auch der in der Regel steigende Bedarf an Medikamenten und Hilfsmitteln im Alter erschwert die Situation.

Eine baldige weltweite Umverteilung, die proletarische Revolution, ist gleichwohl sehr unwahrscheinlich, weswegen jede Alltagsstrategie zur Verbesserung der finanziellen Situation zumindest überprüft werden sollte. In der Postwachstumsökonomie finden sich hier Konzepte wie Eigenproduktion (von Nahrung oder Alltagsgütern), Nutzungsdauerverlängerung (durch Reparatur und Instandhaltung), Nutzungsintensivierung (durch gemeinschaftliche Nutzung von Maschinen oder Haushaltsgegenständen) und der klassische private Leistungstausch, Floh- und Straßenmärkte, Gebrauchthandel. Auch neue bzw. alte Formen des (gemeinschaftlichen) Wohnens und Reisens können hier eine Art Re-Kulturalisierung erfahren.

Fraglos hätten sich viele den Lebensabend anders vorgestellt. Verständlicherweise steigt die Wut auf ein System, welches jahrzehntelang Beiträge in Empfang genommen hat, um ehemalige Arbeiterkarrieren nun mit einer Grundsicherung abzuspeisen. Eine regelrechte Enteignung der kleinen und mittleren Existenzen greife um sich. Doch ob nun eine Elite, das System oder die Gier einzelner Akteure für die problematische Grundsituation verantwortlich ist: Wenn der Kühlschrank sich leert und die Decke die Heizung ersetzt, muss man auch als Individuum ins Handeln kommen, Konsumgewohnheiten hinterfragen, neue Verhaltensweisen entwickeln und sich ggfs. auf neue Werte besinnen.

Was nicht bedeutet, dass nicht auch politisches Engagement zur Durchsetzung der eigenen Interessen ein wichtiges Sprachrohr der Artikulation darstellt. Mit Computer und Internet haben sich die Möglichkeiten zur Organisation von und Partizipation bei Protesten und politischer Meinungsäußerung definitiv erweitert – doch zu viele konzentrieren sich noch ausschließlich auf den bloßen Konsum von Informations- oder Unterhaltungsangeboten. Insbesondere die ältere Altersgruppe ist hier unterrepräsentiert und sollte nun unbedingt verstärkt das Wort ergreifen, ggfs. mithilfe der Angehörigen.

Wie erleben Sie die Situationen? Welche Strategien zur Kosteneinsparung nutzen Sie? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und Ansichten!


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