Leben im Abseits: Ein Hamburger Verein setzt sich für Menschen in Obdachlosigkeit ein (Gastbeitrag)

Obdachlosigkeit

Liebe Leserinnen und Leser,

Obdachlos muss heute doch niemand mehr sein, oder? Sind diese Menschen nicht selber schuld an ihrem Zustand? Die wollen doch gar nicht arbeiten, die trinken doch lieber den ganzen Tag.

Diese und weitere solcher Fragen hören wir nicht nur auf unseren Lesungen oder Dialogreihen. Ca. 2.000 Menschen leben allein in Hamburg obdachlos auf der Straße, die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher.

Ein Leben auf der Straße ist geprägt von einem alltäglichen Überlebenskampf. Grundsätzliches wie Schlafen, Körperpflege und Nahrungsaufnahme wird zu einer ständigen Herausforderung. Fehlende Privatsphäre, kein Schutz vor Wind, Wetter, Kälte und vor gewalttägigen Übergriffen sind 24 Stunden präsent. Können Sie sich vorstellen, dass jemand sich dieses Leben wirklich freiwillig aussucht?

Die steigende Altersarmut und die teilweise daraus resultierende Obdachlosigkeit lässt feststellen, dass selbst Menschen im hohen Alter „auf die Straße“ kommen. Durch die Überforderung mit Behördenschreiben oder durch den Verlust des Ehepartners/Ehepartnerin und dem damit verbundenen finanziellen Wegfall, der z. B. zur Finanzierung der monatlichen Miete nötige war, lässt auch älterer Menschen sehr schnell in die Abwärtsspirale rutschen. Inzwischen sind 9,3 Millionen Rentner in Deutschland von Armut betroffen – und jede zweite Rente liegt unter 900,-€. Die Corona-Pandemie und daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen wird die Zahl sukzessive steigen lassen.

Wer aber kümmert sich um Menschen, die auf der Straße leben? Welche Hilfsleistungen können sie bekommen und wie können diese Menschen es schaffen, zurück ins Regelsystem zu kommen?

Leben im Abseits e. V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, Berührungsängste und Hemmschwellen im Umgang mit obdachlosen Menschen abzubauen. Wir versuchen, beratungsmüde obdachlose Menschen mit Sozialarbeitern zu „verbinden“, um das Leben auf der Straße zu beenden. Präventiv gehen wir in Schulen und Universitäten, um frühzeitig junge Menschen für obdachlose Menschen zu sensibilisieren. Wenn Menschen auf der Straße finanzielle Unterstützung benötigen, um neue Papiere oder anderes zu erhalten, so leisten wir diese Hilfe schnell und unkompliziert. Mit unseren Netzwerkpartnern arbeiten wir dabei ganz engmaschig zusammen.

Präventiv versuchen wir in „unserem Stadtteil, dem Hamburger Kiez“ empathischauf unsere Nachbarn „zu schauen“. Wir arbeiten mit unserem Netzwerk von Sozialarbeitern, dem sozialpsychologischen Dienst und vor allem mit den Bürgernahen Beamten der Davidwache daran, dass Menschen gar nicht erst obdachlos werden, sondern versuchen, präventiv tätig zu werden, bevor eine Räumungsklage eingeleitet wird.

Menschen, die bereits obdachlos auf der Straße sind, unterstützen wir mit unserem Sozialfonds und versuchen, mit ihnen gemeinsam an einer Perspektive zu arbeiten, um das menschenunwürdige Leben auf der Straße zu beenden.

Mit unserem neuen Projekt „Der Schritt Vorwärts – Ein Weg aus dem Abseits“ weiten wir unsere bestehenden Hilfen aus. Wir organisieren und finanzieren die Einzelunterbringung sowie Betreuung obdachloser Menschen für einen Übergangszeitraum. Diese Zeit nutzen wir, um mit Sozialarbeitern aus unserem Netzwerk und den Teilnehmern eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Die Vermittlung von Wohnraum ist dabei ein Hauptbestandteil dieser Bestrebung. Sieerfolgt mit Unterstützung von Stiftungen, Firmen sowie privaten Vermietern, die wir durch öffentliche Aufrufe erreichen. Seit dem 1. Mai befinden sich sieben obdachlose Menschen in Einzelzimmern im Hotel Schanzenstern Altona und werden durch kompetente Sozialarbeit unterstützt.

Leben im AbseitsDer Verein Leben im Abseits e. V. wurde 2017 gegründet, um Behörden und Öffentlichkeit über das unakzeptable und menschenunwürdige Leben auf der Straße aufzuklären sowie die Einsicht zu fördern, dass obdachlose Menschen einen Anspruch darauf haben, mit Würde, Respekt und Anstand behandelt zu werden. Wir arbeiten lösungsorientiert und unbürokratisch.

Unser Ziel ist es, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Veränderungen und ein Umdenken zu erreichen, Hemmschwellen im Umgang mit Bedürftigen abzubauen und einen respektvollen Umgang mit ihnen zu fördern.
Leben im Abseits e. V. ist als ein gemeinnütziger Verein bei allen Aktivitäten auf Eigenmittel und Spendengelder angewiesen. Förderungen oder Unterstützungen seitens der Stadt erhalten wir nicht.

Weiterführende Informationen:
Leben im Abseits e. V.
Gemeinnütziger Verein
Hauptstraße 37c
25488 Holm
Telefon: +49 (0) 40 282 81 461
E-Mail: kontakt@leben-im-abseits.de
Website: https://www.leben-im-abseits.de/


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